Von Dieter Buhl

Im englischen Sprachschatz gibt es den Begriff der rolling hüls – eine Landschaftsbeschreibung, unter der sich Kontinentaleuropäer so recht nichts vorstellen können. Paradebeispiele für die sich wellenförmig aneinanderreihenden Hügel gibt es im südenglischen Sussex. Und gerade dort, wo sich die grünbewachsenen Erhebungen besonders harmonisch zusammenfügen, liegt Wiston House. Ein Besuch in dem uralten Herrenhaus hat Gästen von jenseits des Kanals seit vielen Jahren freilich nicht nur Anschauungsunterricht über die Schönheiten Englands gegeben, sondern auch eine Vielzahl von politischen Eindrücken vermittelt.

Wiston House ist ein Zentrum der internationalen Diskussion, getragen vom Foreign Office, unterstützt vonden Botschaftern der Neun in Großbritannien. Von den vielen Begegnungsstätten für den politischen Jet-Set ist das fahlgraue Haus aus dem 16. Jahrhundert sicherlich die schönste. Altehrwürdige Gemäuer, die modernen Komfort beherbergen, ein riesiger Park mit weichem Rasen, Blumenpracht, zeitlosen Baumriesen und gepflegten Tennisplätzen bilden den Rahmen. Hier läßt’s sich Wohlsein – und in angenehmer Atmosphäre diskutieren.

In den letzten Jahrzehnten hat Wiston House eine weit über die Küsten Britanniens bekannte Institution beherbergt: "Wilton Park", ein Tagungsort für Führungskräfte aus den Ländern der OECD, der Organisation für Wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung. Seit kurzem ist der Landsitz auch Heimstatt für das Europäische Diskussionszentrum (EDC), das dabei ist, zu einem wichtigen Treffpunkt von Europäern aus dem Geistes- und Wirtschaftsleben zu werden.

Die Seele des Ganzen, ja gleichsam ein Synonym für die beiden Institutionen ist Henry Koeppler. Hochgewachsen und britisch-extravagant gekleidet ist der "Warden" (Rektor) fast so etwas wie ein Bilderbuch-Engländer. Sein Oxford-Englisch läßt nicht erwarten, daß Koepplers Vergangenheit beinahe schon eine Legende ist. Denn Henry hieß einst Heinrich, und er stammt aus gut-preußischem Vaterhause unweit von Berlin.

Sein Sinn für Pünktlichkeit ist heute wahrscheinlich der letzte Fingerzeig auf das preußische Erbe. Ansonsten hat sich der ehemalige Fachmann für moderne und mittelalterliche Geschichte an der Oxford-Universität so akklimatisiert, daß er nach dem Kriege der geeignete Mann war, seinen ehemaligen Landsleuten die Vorzüge britischen Demokratieverständnisses beizubringen.

Als Koeppler im Januar 1946 Wilton Park mitbegründete, befand sich auf der Insel noch ein Heer von deutschen Kriegsgefangenen. "Reeducation" hieß das Zauberwort, mit dem sie damals auf ein Leben in bis dahin ungewohnter Freiheit und Verantwortung vorbereitet werden sollten.