Von Hans Krieger

Die Pädagogik (und nicht etwa etliche pädagogische Theorien), die politischen Wissenschaften und, selbstverständlich, die Soziologie sind auf dem Holzweg. Denn sie halten – so hat der Verhaltensforscher Irenäus Eibl-Eibesfeldt erkannt – noch immer an der Tabula-rasa-Theorie des klassischen Sensualismus fest, derzufolge der Mensch als unbeschriebenes Blatt zur Welt kommt. Zum Beweis zitiert Eibl-Eibesfeldt im Vorwort seines neuen Buches –

Irenäus Eibl-Eibesfeldt: „Der vorprogrammierte Mensch – Das Ererbte als bestimmender Faktor im menschlichen Verhalten“; Verlag Fritz Molden, Wien/München/Zürich, 1973; 288 S., 30,– DM

einen Satz aus einer verhaltenstheoretischen Soziologie, der besagt, daß menschliches Verhalten überwiegend erlernt wird.

Man kann es beklagen, daß Pädagogen und Soziologen nicht mehr von Biologie verstehen, und muß es dem Biologen deshalb noch nicht verargen, daß er nicht die gesamte Pädagogik und Soziologie überblickt, darf ihm aber von Pauschalurteilen über ihm fremde Disziplinen abraten. Wer gegen Skinner polemisieren will, polemisiere gegen Skinner.

Schon in den ersten Lebenstagen gingen wir zugrunde, wenn wir das Saugen an der Mutterbrust erst lernen müßten, und die Existenz des Moro-Reflexes (instinktive Umklammerungsgesten des Säuglings beim Fallen) ist seit langem bekannt. Von wenigen Extrempositionen abgesehen, geht die Diskussion nicht darum, ob menschliches Verhalten ausschließlich angeboren oder ausschließlich erlernt sei, sondern um das Verhältnis beider Faktoren und ihre Wechselwirkung; Auch Eibls Position ist ja durchaus nicht so undifferenziert, wie die lapidare Titelthese suggeriert. Er spricht von stammesgeschichtlich erworbenen Vorprogrammierungen des Verhaltens „in bestimmten Bereichen“, deren Ausmaß niemand kenne, und bekennt sich ausdrücklich zu der Gehlenschen Formel, daß der Mensch „von Natur ein Kulturwesen sei.

Für die Aufhellung stammesgeschichtlicher Wurzeln menschlicher Verhaltenszüge hat Eibl-Eibesfeldt Entscheidendes geleistet. Anders als sein Lehrer Konrad Lorenz hat er sich mit Analogieschlüssen vom Tier auf den Menschen, abgestützt mit ein bißchen allgemeiner Lebenserfahrung, nicht begnügt. Bewaffnet mit Geduld und einer Spiegelkamera, die unauffälliges Filmen erlaubt, hat er in mehreren exotischen Kulturen sorgfältige Beobachtungen angestellt und sie mit einheimischen verglichen – so über das Grußzeremoniell, über das Ausdrucksverhalten (Lächeln, Weinen, Ärger, Verlegenheit und so weiter), über Aggression und Gruppenbindung. Durch Untersuchungen an taubblind Geborenen konnte er die Hypothese, daß das Ausdrucksverhalten auf ererbten Mustern beruht, weitgehend erhärten.