Von Barbara von Jhering

Eine Parzelle auf dem weiten Feld der Jugendliteratur haben selbst die arrivierten Autoren noch nicht so recht entdeckt: den Bereich zwischen Bilderbuch und zusammenhängenden Geschichten, Fabeln, Märchen, Abenteuerromanen, die literarische Kurzform in Reimen oder Prosa, die vom Kind (noch) nicht gelesen, sondern nur gehört wird, die ihm der Erwachsene vorliest, vorspielt, erzählt. Kinderlieder und -reime sind dünn gesät; um so bedauerlicher, als ihnen bei der Spracherziehung eine wichtige Rolle zukommt. In diesem Alter wollen, müssen Kinder mit Wörtern hantieren wie mit Dingen; sie benutzen sie als „Gebrauchsgegenstände“, nehmen quasi Sprache in den Mund, um sie zu schmecken. Sie haben Spaß an endlosen Wort-Wiederholungen, -Reihungen, -Verlängerungen, spielen mit Reimen, Klängen und Rhythmen.

Wohl das Beste, was auf diesem Gebiet jetzt für Kinder ab zwei Jahren herausgekommen ist:

Viktor Christen / Jürgen Wulff: „Schnick Schnack Schabernack“; Stalling Verlag, Oldenburg/Hamburg, 1973; 72 S., 14,80 DM.

Die Inhaltsangabe ist zugleich Programm: „Abzählverse, Albernheiten, Limericks und Schüttelreime, Klapphornverse, Zungenbrecher, Quatschgedichte, Schauermärchen, Hexentexte, Textgemälde, Faxen, Vor- und Rückwärtslinge, Plapperquatsch und Tattertratsch, Klimbim, Rabatz und Kauderwelsch, Drastisches, Phantastisches, viel Spaß, und mehr als das.“

Das Autorenregister liest sich wie ein Querschnitt durch das deutsche Starangebot an Verseschmieden: Von Ringelnatz und Morgenstern bis zu Josef Guggenmoos, Heinz Ehrhardt, James Krüss, Martin Walser und Gerhard Rühm. Sie steuern Reime, Lieder, Gedichte bei, die nicht gelesen, sondern gesprochen werden wollen; die man beliebig weiterspinnen und über deren Sinn oder Un-Sinn man lange nachdenken kann; die Anregungen und Aufforderungen enthalten; die zu sprechen den Kindern kulinarisches Vergnügen sein wird. Die Illustrationen sind plakativ und differenziert zugleich, leicht faßlich und von großem Wiedererkennungswert.

Auf jegliche Experimente sprachlicher, kompositorischer oder graphischer Art verzichtet hingegen die Anthologie