Von Gerhard Beier

Einer der Gründerväter der deutschen Sozialdemokratie gehört zu den Stiefkindern ihrer Geschichtsschreibung: Wilhelm Liebknecht. Während August Bebel sein Bild in der Geschichte weitgehend selbst formen konnte, wurde Liebknecht durch den Tod am 7. August 1900 aus seiner schriftstellerischen Arbeit herausgerissen, so daß die geplante Autobiographie unterblieb. Sein Nachfolger in der Redaktion des Vorwärts Kurt Eisner, widmete ihm eine biographische Broschüre, die zuletzt im Jahre 1906 erschien. Seit dieser lesenswerten, journalistischen Skizze hat die Wissenschaft geschwiegen, wenngleich in Leipzig und Ostberlin, in Westberlin und Braunschweig an wichtigen Projekten zur Biographie Wilhelm Liebknechts gearbeitet wird.

Nun endlich, 73 Jahre nach dem Tod des 74jährigen, ist eine umfangreichere Lebensbeschreibung aus der Sowjetunion zu uns gekommen:

Wadim Tschubinskij: „Wilhelm Liebknecht. Eine Biographie“; Dietz Verlag, Berlin 1973; 387 S., 24 Bildtafeln, 8,50 DM.

Diese ergänzte und überarbeitete deutschsprachige Fassung der Moskauer Ausgabe von 1968 trägt den Untertitel: „Soldat der Revolution“. Getreu diesem Untertitel, als ginge es um einen Rocher de bronze des Sozialismus, modelliert Tschubinskij seinen positiven Helden zu einer ehern schimmernden, lichtvollen Größe: „Klar, unanfechtbar, leuchtendes Vorbild – so steht die Gestalt Wilhelm Liebknechts vor uns. Der große Soldat der Revolution bleibt unvergessen.“

Tatsächlich hat sich Liebknecht selbst im Leipziger Hochverratsprozeß von 1872 so charakterisiert, freilich unter Verzicht auf das Epitheton der Größe. Die eindrucksvollen Sätze seiner Verteidigungsrede lauten: „Ich bin nicht ein Verschwörer von Profession, nicht ein fahrender Landsknecht der Konspiration. Nennen Sie mich meinethalben einen Soldaten der Revolution‚ dagegen habe ich nichts. Ein zweifaches Ideal hat mir von Jugend an vorgeschwebt: das freie und einige Deutschland und die Emanzipation des arbeitenden Volkes, das heißt die Abschaffung der Klassenherrschaft, was gleichbedeutend ist mit der Befreiung der Menschheit. Für dieses Doppelziel habe ich nach besten Kräften gekämpft, und für dieses Doppelziel werde ich kämpfen, solange noch ein Hauch in mir ist. Das will die Pflicht!“

Wenn sich Liebknecht einen „Soldaten“ nannte, dann lag darin ein feiner Schuß Ironie gegenüber den „Vaterlandsverteidigern“ am Richtertisch, dann war es eine wehrhafte Formel im Propagandakrieg nach der Reichsgründung. Aufgabe des Biographen kann es nicht sein, diese Formel weiter zu verkürzen. Vielmehr kommt es darauf an, das Vielschichtige dieses „Soldaten“, seine gänzlich unsoldatische, menschliche Totalität ans Licht zu bringen. Denn Liebknecht war nicht nur „Soldat der Revolution“, sondern auf seine Weise auch verschworener „Landsknecht“ im badischen Aufstand von 1849 und später „Konspirateur“ gegen die kaiserliche Autokratie. Wenn er den Richtern die Formel vom „Soldaten“ anbot, dann, weil sie es nicht besser verstanden.