Von Horst Bieber

Zufrieden ist der Juntachef ganz und gar nicht, weder mit sich noch mit seinen drei Kollegen noch mit der wirtschaftlichen Entwicklung. Bei jeder Hiobsbotschaft stößt er ein wütendes "Que nó" hervor – frei übersetzt: "Aber nicht doch!" Immer häufiger wechselt der General Augusto Pinochet Ugarte aus dem Kongreßzentrum Diego Portales, dem provisorischen Regierungssitz, hinüber in das Verteidigungsministerium und macht dort, vis-à-vis dem während des Putsches zerstörten Präsidentenpalais, seinem Herzen Luft.

Kein Zweifel – die chilenischen Generale haben wenig Grund zur Freude. Es kommen viele Hiobsbotschaften in das Kongreßhochhaus (und nur wenige in die wenigen noch erlaubten Zeitungen). Zwar ist das Land weitgehend unter Kontrolle, die langen Haartrachten wurden verboten, die anstößige Berufsbezeichnung "Arbeiter" ist durch "handwerklicher Angestellter" ersetzt worden, man hat den vorbelasteten Begriff "companero" untersagt, kurz, alle Reminiszenzen an die Allende-Zeit unterdrückt und sich eine Zeitlang in der Hoffnung gewogen, damit auch die Erinnerung an die Zeit vor dem 11. September getilgt zu haben. Der chilenische Mittelstand hat den Machtwechsel begrüßt, Schmuck, Gold, Wertsachen gespendet; die vier Juntamitglieder gingen voran und opferten fünf Tageslöhne, ihre Frauen Schmuckstücke. Die Arbeitszeit ist verlängert worden, die Reprivatisierung von Betrieben und Gütern ist angelaufen. Aber Grund zum Lachen gibt es nicht.

Da sind einmal die Journalisten. Die eigenen werden mit einer "freiwilligen Zensur" klein gehalten, die fremden des Landes verwiesen. Aber der Rest ist unverschämt genug, im Ausland zu berichten, was den Chilenen nicht gesagt wird. Wo doch die Hilfe des Auslandes bitter nötig ist: bei 4,5 Milliarden Dollar Auslandsschulden, leeren Kassen und einem jährlichen Lebensmittelimportbedarf von 600 Millionen Dollar.

Da sind zum anderen die Botschafter, die zum Teil – Bonns Mann in Santiago hält sich zurück – ihre Meinung über die Willkürmaßnahmen der Junta und mehr noch über die auf eigene Faust operierenden Offiziere unverblümt sagen und wie ihre Regierungen die Auffassung vertreten, daß Recht vor Macht gehe. Den schwedischen Botschafter Harald Edelstam hat es am vorigen Wochenende erwischt: Trotz Zusage der Militärdienststellen wurde er von Carabineros und Soldaten zusammengeschlagen, als er eine unter seinem Schutz stehende Exil-Uruguayerin vor der Verhaftung schützen wollte.

Da sind weiter die vielen Linken. Chilenen und Lateinamerikaner, die in Chile Asyl gefunden haben. Sie warten auf eine Ausreiseerlaubnis; die Junta zögert, anstatt froh zu sein, dieses "Gesindel" so billig loszuwerden. Durch sehr beredtes Schweigen protestieren Rechtsanwälte, Professoren und Intellektuelle gegen das immer noch gültig. Kriegsrecht und gegen das schlimmste aller Übel: die Rechtlosigkeit. Das Verfassungsgericht wurde aufgelöst; einen Tag später entmachteten sich die Zivilgerichte freiwillig und überließen alle Linken, politisch Mißliebigen und Denunzierten den Militärgerichten, gegen deren Spruch keine höhere Instanz angerufen werden kann.

Die größte Sorge bereitet freilich die wirtschaftliche Entwicklung. Seit die Löhne nicht erhöht, die Preise freigegeben wurden, verteuerten sich Grundnahrungsmittel um das Vierfache, Fünffache, ja Achtfache. Die Inflation galoppiert – die Schätzungen für 1973 bewegen sich zwischen 500 und 600 Prozent (Allende kam im Vorjahr mit 200 Prozent aus). Und wenn die Schlangen vor den Geschäften verschwunden sind, so nur, weil die Kaufkraft schwindet. Protestmärsche hungernder Arbeiterfrauen stören die Junta nicht sehr; aber den Mittelstand trifft die Wirtschaftsmisere mit voller Wucht. Die Parteien sind suspendiert, ihr Vermögen ist konfisziert. Auf wen wollen die vier Generale sich stützen, wenn der Mittelstand eines Tages seine freiwillige Mitarbeit aufkündigen sollte?