Eine neue Gruppe bekämpft Parteidisziplin und Solidarität

Von Volker Mauersberger

Auch dürfen wir nicht vergessen, daß jede Sekte notwendig fanatisch ist und durch diesen Fanatismus weit größere augenblickliche Erfolge erreicht als die Partei, die ohne Sektenabsonderlichkeit die wirkliche Bewegung vertritt. Dafür dauert der Fanatismus auch nicht lange." Dieser Satz August Bebels hat für den inneren Zustand der SPD unerwartete Aktualität erhalten. Kein Tag vergeht, an dem sich prominente Sozialdemokraten nicht zu schwelenden Querelen unter den Genossen äußern. Und es sind längst nicht mehr allein die Konservativen, die sich dieser Aufgabe widmen.

In einer bemerkenswerten Rede zum sechzigsten Todestag August Bebels hatte der Jungsozialisten-Vorsitzende Wolfgang Roth das Parteiestablishment schon früher Vor einer rechten Abspaltung der SPD gewarnt. Der bayerische Landesvorsitzende der Jungsozialisten, Friedrich Volkamer, erklärte kürzlich, es gebe innerhalb der Jungsozialisten Gruppen, deren Politik wohl außerhalb der Sozialdemokraten anzusiedeln sei. Und kein Geringerer als Peter von Oertzen, Vorsitzender der Langzeit-Programmkommission beim SPD-Vorstand, hat vor kaum zwei Wochen in das gleiche Horn gestoßen. Vor dem Parteitag des SPD-Unterbezirks Frankfurt geißelte von Oertzen jene Form des "pseudorevolutionären Quietismus", der in verschiedenen Parteigruppierungen zu registrieren sei – eine Handlungsweise, welche sich oft nur in einer Politik der Nadelstiche oder Tritte vor das Schienbein der Gremienpolitiker erschöpfe.

Dritte Fraktion

Diese Äußerungen spiegeln eine Auseinandersetzung wider, die sich gegenwärtig in schonungsloser Offenheit unter den Jungsozialisten vollzieht und die den Nachwuchsverband der SDP vor eine schwere Belastungsprobe stellt. Sechs Wochen vor ihrem Bundeskongreß in München ist die Arbeitsgemeinschaft der Jungsozialisten zerrissener denn je, und es gibt nicht wenige Beobachter, die bereits von einer drohenden Spaltung des Gesamtverbandes sprechen.

Seitdem bekannt wurde, daß die Gruppe der "Anti-Revisionisten" um den Göttinger Politologiestudenten Helmut Korte und den Hannoveraner Juso-Bezirksvorsitzenden Gerd Schröder neben den Anhängern des Bundesvorstands und der Stamokap-Gruppe als dritte Fraktion zum Münchener Kongreß gehen wird, beobachtet man auch im Bonner Juso-Vorstand diese Entwicklung mit Sorge und kann eine gewisse Nervosität nicht verhehlen. Die Entscheidung der Hannoveraner Jungsozialisten, zu denen neben den Bezirken Göttingen, Ostwestfalen-Lippe auch die Jusos von Hessen-Nord gerechnet werden, wird nicht nur den organisatorisch-desolaten Zustand der Jungsozialisten nach außen sichtbar machen, sondern auch die theoretische Auseinandersetzung innerhalb des SPD-Nachwuchses.