Das italienische Skizentrum Sestriere: 70 Pisten, 2800Betten, 130 Skilehrer

Von Jakob Vollmar

Wer Sestriere per Auto ansteuert, hat schon einen sportlichen Test zu bestehen, noch bevor er die Bretter unterschnallt: Hinter Perosa-Argentina windet sich die Straße langsam an den Abhängen des Tals in die Höhe. Dichter Nebel, Glatteis. Ab und zu Reste von Schneerutschen quer über die Fahrbahn. Wenn die spärlichen Lichter eines Bergdorfes auftauchen, immer wieder der Gedanke: Lieber hier übernachten oder doch noch zum nahen Ziel weiter? Zweiter Gang, vorsichtig um Kurven, Schnee an den Straßenrändern, immer mehr Schnee. Totenstille, wenn der Motor steht.

Und dann plötzlich: die Nebelwand zerreißt auf 2000 Meter Seehöhe. Sternenklarer Himmel, Vollmond, rundum leuchtend weiße Bergkuppen. Als ob jemand den Vorhang vor dem Winterparadies weggerissen, hätte, das nun in nächtlicher Pracht im Panoramarundblick liegt. Hotels rechts, einige Neonstraßenlampen, die das zarte Naturlicht stören, eine leere Hauptstraße.

Ich wohne im Hotel Cristallo, im Zentrum von Sestriere. Es ist ein verkleideter, langgestreckter Bau, alle Zimmer haben Bad oder Dusche, die Aufenthaltsräume sind groß. Wer hier wohnt, muß nur wenige Meter hinüber zum Skizentrum laufen. Den Ausblick vom Hotelfenster stören nur Unmassen von Autos, die an der Straßenecke parken. Der Chefportier bedauert: „Der Italiener würde sein Auto am liebsten mit aufs Zimmer nehmen. Unmöglich, ihn allzu weit davon zu trennen.“

Erster Rundgang durch das Skidorf, das sich in den letzten Jahren explosionsartig entwickelt hat. Einige Schritte über die breite Hauptstraße, und schon geraten jene beiden Türme ins Blickfeld, die als eine Art Wahrzeichen Sestriere über die Grenzen Italiens hinaus bekanntgemacht haben: Die beiden Turmhotels „La Torre di Sestriere“ und das „Grand Hotel Duchi d’Aosta“, beide fünfzehn Stockwerke hoch. Speisesäle, Diskotheken und Nightclubs im Untergrund, die kleinen aber gemütlichen Zimmer mit winzigen Fenster reichen bis hinauf zum flachen Dach. Sie alle haben einen Rundblick auf die Berge.

Die Turmhotels gehören zu den frühen Bauten von Sestriere. Die Architekten wählten diese Form; weil Türme den durch die Talmulde pfeifenden Winterwinden die geringsten Angriffsflächen bieten. Schneewehen häufen sich nicht, wie bei den anderen Hotels, nach einer winddurchtosten Nacht meterhoch in toten Winkeln auf, die Flocken streichen an den Rundbauten vorbei.