Die westlichen Diplomaten finden kein DDR-Personal

Von Joachim Nawrocki

Die französische Botschaft in Ost-Berlin, Unter den Linden, war schnell gefunden. Da war kein Blick auf Hausnummer oder Messingschild nötig. Vor der Tür parkte ein Lastzug einer bekannten französischen Spedition; im Treppenhaus schleppten Männer riesige Kisten nach oben, es war kaum an ihnen vorbeizukommen. Aber man mußte sich durchzwängen. Denn in dem vorzüglich renovierten Altberliner Geschäftshaus war zweierlei DDR-typisch: der durchdringende Lysolgeruch im Treppenhaus und der defekte Fahrstuhl.

Zwei Geschosse des Hauses werden von der italienischen Botschaft benutzt, die beiden oberen Etagen von den Franzosen. Im Vorraum der französischen Kanzlei stapelten sich die leeren Pappkisten. Eine Kücheneinrichtung wurde ausgepackt, ein neues Türschloß, montiert – nach acht Monaten in provisorischer Behausung richten sich die Diplomaten jetzt häuslich ein. Die Möblierung ist komplett, das Personal fast vollzählig; auch Wohnungen für die Mitarbeiter finden sich allmählich.

So wie in der französischen Vertretung geht es auch in den meisten anderen westlichen Botschaften zu, die sich seit Anfang des Jahres in der DDR angesiedelt haben. Vor der Unterzeichnung des Grundvertrages hatte die DDR zu 33 Staaten diplomatische Beziehungen; jetzt sind es 98. Das diplomatische Leben normalisiert sich; die Schwierigkeiten der Aufbauphase werden allmählich überwunden, und mit dem Ende der Sommerpause häufen sich auch die Einladungen zu Empfängen und diplomatischen Diners. Verwundert hat manchen Diplomaten die Überpünktlichkeit und Ausdauer der DDR-Repräsentanten bei den gesellschaftlichen Veranstaltungen. Erste Erfolge der diplomatischen Tätigkeit stellen sich denn bereits auch ein, wie etwa Kooperationsabkommen der DDR mit Großbritannien, Frankreich oder Österreich. Weitere Vereinbarungen werden vorbereitet.

Die westlichen Diplomaten in Ost-Berlin verhalten sich besonders diplomatisch. Über Schwierigkeiten und Meinungsunterschiede mit der DDR äußern sie sich nur zurückhaltend. Niemand will die Gefühle der DDR-Repräsentanten verletzen. Auf die Frage, was passiert, wenn politisch Verfolgte in den Botschaften Asyl suchen, heißt es einheitlich, man könne kein Asyl gewähren: "Wir würden die Leute wohl rauswerfen müssen."

Daß die Botschaften der beiden Westalliierten Frankreich und Großbritannien ebenso wie einige andere Vertretungen von Nato-Ländern den Vier-Mächte-Status von ganz Berlin respektieren und dementsprechend nur für die DDR ohne Ost-Berlin zuständig sind, das wird nur indirekt zu verstehen gegeben. So heißt die britische Botschaft "British Embassy to the GDR", also Botschaft "bei" der DDR, nicht "in" der DDR. Auch die Konsularbefugnisse sind so geordnet, daß keine Anerkennung der Zugehörigkeit Ost-Berlins zur DDR herausgelesen werden kann. Ein französischer Diplomat antwortet sehr vorsichtig auf eine entsprechende Frage: "Was Berlin betrifft, so wissen Sie wohl, wer zuständig ist."