Wer je einen von Max Seidel photographierten und gestalteten Bildband in der Hand gehabt hat, seinen „Hieronymus Bosch“ (Holle Verlag) oder „Bruegel“ (Belser Verlag) zum Beispiel, der weiß, daß die Ankündigung einer neuen Publikation ein Hinweis ist auf ein optisches Schauspiel, das aus dem Rahmen des sonst Kunstbuchüblichen fällt. Für Seidels Methode, ein Bild photographisch in seine Partikel, zu zerlegen, die Einzelheiten und Winzigkeiten aus den Ecken und Hintergründen hervorzuholen, einen Mikrokosmos zum Blühen zu bringen, waren Bosch und Bruegel mit ihrem überquellenden Detailrealismus ergiebige Sujets. Jetzt hat Seidel sich mit seiner Kamera ein nicht minder lohnendes, nicht minder geeignetes, nicht minder faszinierendes Thema vorgekommen: den Isenheimer Altar („Grünewald – der Isenheimer Altar“, mit Beiträgen von Oto Bihalji-Merin, Heinrich Geissler, Joseph Harnest, Adalbert Mischleswski und Bernhard Saran; Belser Verlag, Stuttgart; 294 S., davon 60 mit farbigen und 80 mit schwarzweißen Abb., Subskr.-Preis bis 31. 12. 1973 136,– DM, danach 168,– DM). Und wieder ist es ihm gelungen, nicht nur eine Welt der Details, die mit bloßem Auge nicht wahrzunehmen wären, dingbar zu machen, sondern darüber hinaus auch Hinweise zu geben zum besseren Verständnis dieses wohl gewaltigsten Werkes deutscher Renaissancemalerei. Seidels gezielte Fragmentierung (der eine intensive Beschäftigung mit dem Thema vorausgegangen sein muß) addiert einerseits Motive zu Ketten (schönstes und wichtigstes Beispiel ist das expressive Gebärdenspiel), vermag andererseits aber ebenso überzeugend im winzigen Ausschnitt die ganze Spannweite dieses Werkes zu belegen (das zeichnerische Element der fränkischen Malerei ist bei Grünewald ebenso sichtbar wie das ekstatisch visionäre der Donauschule). Die Textbeiträge informieren über Leben und Werk des Mathis Gothart Nithart (der zum erstenmal in Sandrarts „Teutscher Akademie“, 1675, auftaucht, aber unter dem Namen Grünewald); über die Ikonographie sowie die geistesgeschichtlichen und politischen Konditionen dieses Werkes; über den Antoniterorden und die Präzeptorei Isenheim, die den Altar um 1505 in Auftrag gab; über technische Details, die ursprüngliche Aufstellung und Verwendung dieses Wandelaltars betreffend, der, zum Museumsstück denaturiert, seine ganze komplexe Wirkung überhaupt nicht mehr entfalten kann.Petra Kipphoff