Von Eduard Neumaier

Bonn, im November

Verkehrsminister Lauritz Lauritzen blieb sich, auch am 179. Tag des Fluglotsenbummels treu: Er formulierte einen amtlichen Irrtum. „Etwa vier bis fünf Tage“, meinte er am vergangenen Freitag in einer Pressekonferenz, werde es dauern, bis sich der Flugverkehr „wieder normalisiert“. Es dauerte kaum einen Tag, da war die Überraschung perfekt. Die etwa tausend Fluglotsen, die ein halbes Jahr lang von seltsamen epidemischen Plagen heimgesucht worden waren, hatten sich putzmunter zu „überhöhtem“ Einsatz zurückgemeldet. Die Lufthansa stellte fest: keine Verzögerung.

Was weder Drohungen noch Schmeicheleien, weder Verhandlungen noch Gerichtsurteile hatten erzwingen können, schien unter dem Eindruck einer drohenden Energiekrise auf einmal möglich zu sein. Der sanfte Appell von Bundeskanzler Brandt, in dem er den Fluglotsen seinen persönlichen Einsatz „für eine sachliche und faire Regelung“ sowie eine „zügige Behandlung der anstehenden Probleme“ anbot, fand offene Ohren. Der Aufforderung zur Solidarität des Sparens mochten sich die Lotsen nicht entziehen, obwohl das Ende des Bummelns eigentlich das genaue Gegenteil beschert.

Da die Fluggesellschaften jetzt wieder mehr Linienflüge einplanen können, wenn auch wegen des Spritmangels nicht mehr soviel wie vor dem ersten Streiktag an Himmelfahrt, brauchen sie auch mehr Sprit. Und das ist nicht wenig: Allein die Lufthansa hatte 21 267 Flüge gestrichen – ein Drittel des innerdeutschen, ein Zwölftel des europäischen Flugprogramms. Bei 130 Flügen pro Tag wurden 840 000 Liter Kerosin verbraucht – 1,2 Millionen wären es bei vollem Programm.

Der Spareffekt beim Sprit ist also nur gering, daher gewinnt die Theorie an Wahrscheinlichkeit, daß die Erdölkrise ein höchst willkommener Anlaß war, einen unerklärten Krieg ohne Gesichtsverlust zu beenden. Und in der Tat: Seit Ende Oktober bewegten sich die Kontrahenten in diesem Kampf ohne Sieger, aber mit zwei moralischen Verlierern schrittchenweise aufeinander zu. Ohne die heimlichen Kontakte des Kanzleramtes mit den Lotsen und ohne die Gewißheit, daß sein Appell auch angenommen werde, wären Brandts Worte in den Wind gesprochen gewesen.

Die Reaktion des vom Dienst suspendierten, auf halbe Bezüge gesetzten Leiters des Verbandes der Fluglotsen, Wolfgang Kassebohm, macht die Wandlung sichtbar. Er, der in den heißesten Phasen des Bummelstreiks schlicht erklärte, man könne den Versprechungen der Regierung nicht mehr trauen, formuliert fast eine Ergebenheitsadresse: „Die Fluglotsen vertrauen ihrem Kanzler.“ Das hätten sie schon früher gekonnt.