München

Die Münchner SPD kommt aus ihren Schwierigkeiten nicht heraus. Neuer Höhepunkt der innerparteilichen Dauerkrise: Ingrid Schönhuber, Rechtsanwältin und Mitglied des Stadtrats, trat aus der Partei aus und stellte ihr Mandat zur Verfügung. Ihr Schritt markierte das Ende eines annähernd zweijährigen politischen Streifzugs, der sie quer durch ihre Partei führte und die Höhen und Tiefen der SPD-Parteipolitik à la München durchleben ließ.

Als Gründe für ihren Austritt nannte sie die fehlende Abgrenzung zum Kommunismus, eine zunehmende antiamerikanische Stimmung bei gleichzeitiger Tabuisierung aller inhumanen Vorgänge im Ostblock und die propagierte Konfliktstrategie. Ferner beklagte sie sich darüber, daß es in der Fraktion immer schwieriger werde, Sachentscheidungen ohne ideologische Pressionen zu treffen, daß der Ton unter den Genossen immer verletzender, der Haß gegen Andersdenkende immer größer werde.

Ingrid Schönhuber war 1972 als engagierte Vogel-Gegnerin von der SPD-Linken, zu der sie sich selbst bekannte, als Stadtratskandidatin aufgestellt worden. Aus dieser Wahl ging sie als Siegerin hervor.

Doch dann mußte sie sehr schnell erkennen, daß sie sich in der Rathauspolitik ihrer Freunde getäuscht hatte. Diese wiederum stellten zu ihrem Verdruß fest, daß das Engagement der Genossin Schönhuber gegen Hans-Jochen Vogel persönlichen und nicht politischen Motiven entsprang. Vor allem erwies sie sich als nicht so links, wie man das angenommen hatte.

Nicht die Stadträtin allein, sondern auch ihr Mann Franz Schönhuber, ein bekannter Journalist, entwickelten sich in gut einem Jahr vom Freund zum Feind der Linken, die zunächst hoffte, die Genossin könne den Gemahl umstimmen. Doch die Verhältnisse waren nicht so. Weder Anfeindungen noch Druck konnten beide von ihrer Überzeugung abbringen, daß die Politik des immer mächtiger gewordenen linken Flügels der Partei falsch sei. Am Ende resignierte sie.

Nahezu einhellig war das Bedauern über ihr Ausscheiden: Die Abendzeitung klagte, mit ihr habe der Stadtrat ein Mitglied verloren, „das dort mehr als viele Männer ihren Mann gestanden hat“, und die Süddeutsche Zeitung bezeichnete sie als „Kronzeugin der Aushöhlung“, bezweifelte indes, daß „Ingrid Schönhubers Signal auf kurze Sicht innerhalb der Münchner Partei Wirkung erzielt.“ Bayerns SPD-Chef Vogel, den die Schönhuberin so heftig bekämpft hatte, bedauerte ebenfalls ihren Entschluß und rief alle, die ihre Sorgen und Befürchtungen teilten, dazu auf, nicht die Partei zu verlassen, sondern „für eine Änderung der Mehrheitsverhältnisse zu kämpfen“.