Eine Kritik, ein Interview und ein Nachwort

Von Benjamin Henrichs

Die Nase war zu lang, und der Hauptdarsteller war zu hübsch. Sonst hätte es vielleicht ein Theaterfest gegeben an diesem Abend, als Wilfried Minks an der Berliner Freien Volksbühne eines der herrlichsten Trivialstücke des Welttheaters inszenierte: Edmond Rostands "Cyrano von Bergerac", die unwiderstehlich rührende und poesievolle Geschichte eines häßlichen Helden, der alle Gaben hatte, einer der großen Liebhaber der Geschichte zu werden (Mut, Rauflust, Phantasie), und den nur ein Mißgeschick der Natur daran hinderte, seine monströs verwachsene Nase.

"Cyrano" ist ein Stück über den tragischen Triumph der Poesie über die Physis. Tragisch, weil der Held, wie es sich für ein Rührstück gehört, erst triumphiert, als er schon im Sterben liegt. (Zum zweiten Mal in diesem Stück tritt der Tod rechtzeitig ein, bevor der Sexus beginnt: die Prüderie der Schnulze.)

Jahrelang hatte Cyrano Intelligenz und erotische Phantasie seinem schönen, aber nicht sonderlich geistreichen Freund Christian geliehen– und Christian hatte, bewaffnet mit dem eigenen hübschen Gesicht und mit Cyranos Briefen und Liebesschwüren, Roxane, das wunderbarste aller Mädchen, erobert. Scheinbar ein ganz unglaubwürdiger, unbegreifbar selbstloser Freundesdienst – doch, und darin steckt das Raffinement dieses Rührstücks, Cyranos Edelmut ist durchaus Egoismus. Denn Christian ist nur das Instrument, mit dem Cyrano, der häßliche Mann, ein schönes Mädchen gewinnen kann. Alle Triumphe in diesem Stück sind Cyranos Triumphe: Allein von seinen Liebesworten berauscht und sinnlich gemacht, entschließt sich Roxane zu Kuß und Heirat. Und Cyrano genießt aus der Ferne: "Auf seinen Lippen küßt sie meine Worte."

Joachim Kemmer, der Berliner Cyrano, trug eine ziemlich dünne, ungefähr zwanzig Zentimeter lange Riesennase vor dem Gesicht – doch häßlich machte sie ihn nicht. Nie ließ Kemmer vergessen, daß hier lediglich ein hübscher, gefällig deklamierender Schauspieler maskiert worden war. Die Nase war bloß eine Verkleidungsnase, kein verunglücktes Stück Natur. Und der Cyrano blieb eine anmutige Spielfigur, ähnelte allenfalls im Schlußbild Rostands faszinierendem Bastard: einem Wesen aus schönen Worten und elementarer physischer Häßlichkeit, aus Rauflust und verletzlicher Träumerei.

Trotzdem, und trotz eines wiederum (wie schon in Hübners "Macbeth"-Inszenierung) erschreckend unsicheren und blutarmen Volksbühnenensembles, war dies ein wichtiger Abend; wichtig, weil der Regisseur Wilfried Minks wieder ein Stück weitergekommen ist auf dem Weg von der Dressur zur Inszenierung, vom Bebildern eines Textes zum Erzählen.