Fünf Jahre kann es uns dreckig gehen“, lautet die düstere Prognose von Kurt Hansen, Vorstandsvorsitzender der Bayer AG, Leverkusen. Die deutsche Chemie, die im letzten Jahrzehnt mit Hilfe der Petrochemie auf breiter Front Anschluß an die weltweite Entwicklung dieser Wachstumsbranche gefunden hat, wird durch die Ölkrise aufs äußerste gefordert: denn Energiequelle und Rohstoffbasis sind in gleicher Weise ernstlich bedroht. Dabei ist die Gefährdung der großen Konzerne je nach ihrer Abhängigkeit vom Öl zwar unterschiedlich, – aber alle richten sich auf eine „harte Bewährungsprobe“ (Hansen) in den kommenden Monaten ein.

Hansen schätzt die Chancen, die erdölfördernden Länder technisch und wirtschaftlich an die chemische Industrie zu binden, nur gering ein. Der Aufbau einer chemischen Produktion in den Erdölländern werfe ebenso klimatische wie wirtschaftliche-Probleme auf – abgesehen von der offenen Frage, ob den Ölscheichs überhaupt an einer solchen Partnerschaft liegt.

Immerhin erwägen Hoechst und Bayer ernsthaft ein stärkeres Engagement im Iran. Dabei bietet sich, wie man bei Hoechst durchblicken läßt, ein konsortiales Zusammengehen beider Konzerne an. Auch die BASF führt seit Jahren Gespräche mit Persien über die Aussichten einer Fabrikation. Eine Übereinkunft scheiterte bisher vor allem an der Frage des Einflusses.

Als sicher gilt, daß die schrumpfenden Rohstoffzufuhren schon bald zu Einschränkungen in der chemischen Produktion führen müssen. Bei der Wacker-Chemie GmbH in München richtet man sich auf eine Drosselung um etwa 15 Prozent ein. In anderen Häusern werden ähnliche Andeutungen gemacht.

In der Produktion kann es schon bald zu einschneidenden Veränderungen von den Massenprodukten hin zu höher veredelten Erzeugnissen kommen, um dem knappen Rohstoff Öl einen optimalen Effekt abzugewinnen. Die starken Preissteigerungen für alle petrochemischen Vorprodukte, die bereits eingetreten sind und noch erwartet werden, lassen keine andere; Wahl.

„Der Ausweg, mehr Kohle als Rohstoff einzusetzen, ist für die Chemie in naher Zukunft nicht praktikabel, da die Anlagen dafür nicht vorhanden sind“, stellt Bayer-Chef Hansen fest. Fünf Jahre dürften nach seiner Schätzung vergehen, bis nach forcierten Forschungsarbeiten und entsprechend hohen Investitionen eine etwas geringere Abhängigkeit vom Öl durchs Umstellung auf andere Kohlenstoffderivate möglich wäre.

Die BASF „steht“ bisher zu 80 Prozent auf Öl und zu 20 Prozent auf Erdgas. Jährlich werden (einschließlich der Verwendung für Energiezwecke) 3,6 Millionen Tonnen Rohöl, Heizöle, Leichtbenzin und andere Derivate eingesetzt (neben 600 000 Tonnen Kohle). Die Farbwerke Hoechst geben den Grad ihrer Ölabhängigkeit mit 75 Prozent an.