Auch nach den jüngsten Gesprächen zwischen Brandt und Pompidou bleibt Frankreich weiterhin Europas großes Fragezeichen. Wozu sind die Franzosen bereit, um der Gemeinschaft der Neun politisches Profil zu geben? Wozu sind sie bereit, um ihr militärische Zähne einzusetzen?

Über die letzte Frage wird in allen europäischen Hauptstädten gerätselt, seitdem Pompidous Außenminister Jobert am Mittwoch voriger Woche vor der Versammlung der Westeuropäischen Union eine „starke und entschlossene“ europäische Verteidigung verlangte. „Europa“, so erklärte er, „muß seine Stimme bei allen Ereignissen zu Gehör bringen, die Sicherheitsfragen berühren, und seinen Teil der Verantwortung für die Bewältigung von Krisen übernehmen.“ Sein Vorschlag: Die WEU – die aus den ursprünglichen sechs EWG-Mitgliedern plus Großbritannien besteht – zu jenem Forum zu machen, auf dem die Gemeinschaftseuropäer gemeinsame Verteidigungsprobleme besprechen; nicht ohne Bindung an die Atlantische Allianz, aber ohne Unterwürfigkeit gegenüber den Supermächten.

Das verstärkte Interesse an einer autonomen, wiewohl mit den Vereinigten Staaten eng verbundenen europäischen Verteidigung wird gegenwärtig aus mancherlei Quellen gespeist. Der amerikanisch-sowjetische Bilateralismus, symbolisiert durch den Nuklearpakt vom Juni; die Mißachtung aller Konsultationsregeln durch die Amerikaner in der weltweiten Alarmübung vom 25. Oktober; das von Nixon gebilligte Jackson-Nunn-Amendment, wonach ab November 1975 US-Truppen nur noch in dem Prozentsatz in Europa bleiben sollen, zu dem die Europäer Devisenausgleich leisten – all dies hat Unruhe geschaffen, und die Unruhe verlangt nach einer europäischen Anstrengung.

Allerdings: Wo die Franzosen die ziemlich angestaubte WEU, die außer schönen Redeprotokollen wenig vorzuweisen hat, zum Nukleus einer konzentrierten Verteidigungspolitik der Gemeinschaft machen wollen, empfehlen andere – vor allem auch die Bundesregierung – jene Euro-Group, die in den vergangenen Jahren auf dem Felde der Rüstungszusammenarbeit Nützliches geleistet hat, obwohl Frankreich, das eine ständige Einladung besitzt, seine Mitarbeit verweigert.

Noch weiß niemand genau, was die Franzosen wirklich anstreben. Wollen sie, indem sie die WEU zum Schein neu beleben, lediglich die Rüstungszusammenarbeit in der Euro-Group stören? Wollen sie die WEU vorschieben, um ihre rein nationale Verteidigungspolitik fortzuführen? Oder sind sie wirklich bereit, sich auf eine integrationsähnliche europäische Zusammenarbeit einzulassen, mit festen Bindungen?

Noch fügen sich die bruchstückhaften französischen Äußerungen nicht zu einem einleuchtenden Bild. Rhetorik und Logik der französischen Sprecher addieren sich bisher nicht zur klaren politischen Äußerung. Das einzige, was sich bisher sagen läßt, ist dies: Vielleicht, vielleicht bahnt sich im französischen Denken ein Wandel an. Th. S.