Von Wolfgang Rieger

Herbert Kremp hat ein Buch geschrieben. Der promovierte Philosoph zimmerte am Schreibtisch ein Gerüst aus Ideen, auf dem sich Leitartikel zur Schau stellen lassen. Er führt eine journalistische Tradition fort, die in Deutschland nicht unbekannt ist. Ob allerdings, die Wunscherfüllung eines Pressemannes – Gedrucktes in Leinen gebunden statt auf Zeitungspapier – heute noch weiterhilft, gilt es zu prüfen. Was beabsichtigt dieser Autor mit seinem Buch, das er eine politische Anthropologie nennt:

„Am Ufer des Rubikon“; Seewald Verlag, Stuttgart 1973; 230 S., 25,– DM?

Herbert Kremp will kämpfen: „Es gibt nur noch ein Interesse: den Reichtum und die Offenheit, die Chancenhaftigkeit und sinnhafte Einheit des Menschen gegen die existenzverkürzenden Ideologien der Egalité zu verteidigen.“ Der ehemalige Chefredakteur der Welt, inzwischen zum-Redaktionsdirektor dieses publizistischen Unternehmens avanciert, will „intellektuelle Bewaffnung“ liefern. Seiner Meinung nach braucht das Publikum sie, um sich gegen die „Stoßtrupps der Veränderung“ wehren zu können.

Gemeint sind mit den Angreifern natürlich die Linken unter uns. „Die Sturmtrupps des kollektivistischen Sozialismus, der heute eine endzeitliche Gleichheit der Privilegienlosigkeit, Machtlosigkeit und Vermögenslosigkeit anstrebt, hat sich bereits großer Teile der medialen und pädagogischen Provinzen bemächtigt.“ Kremp glaubt, die Waffe gegen diesen Angriff zu kennen: das Buch. Er wird zum Buchtäter. Er will die geistige Freiheit mobilisieren und verkündet: „Die Bibliothek geht in die Katakombe!“ Aber so defensiv, wie er sich in diesem Ausspruch gibt (er liebt den journalistischen Expressionismus) ist er nicht.

Der Autor benutzt seinen stilistischen Einfallsreichtum, um die Brutalität seiner Schlußfolgerungen zu vernebeln. Verzichtet er gelegentlich auf die Metaphern, zeigt sich, worauf er eigentlich hinaus will. „Besser wäre es noch, wenn die kollektivistischen Menschenverwandler zu repressiven Maßnahmen der Gewalt gezwungen werden könnten.“ Kremp meint damit, durch Provokation erst lasse sich das wahre Ausmaß der Bedrohung durch die Linke demonstrieren.

Hier könnte leicht der Verdacht entstehen, dem Autor dieses Buches solle durch die Isolierung eines Zitates etwas unterstellt werden, was er nicht beabsichtigt habe. Ein Blick auf den Titel seines Buches zeigt, was Kremp mit jedem seiner Sätze sagen will. Wer am „Ufer des Rubikon“ steht, der möchte auch hinüber. Cäsar aber begann, als er am anderen Ufer angelangt war, den Bürgerkrieg.