Von Günter Deister

Wohl selten zuvor hat es in einem Sportjahr der Bundesrepublik so viele Gespräche, Versammlungen, Sitzungen, Konferenzen gegeben wie 1973. Am Ende dieser zwölf Monate scheint es nun, als seien die Verantwortlichen des Sports bei ihrer Suche nach neuen Strukturen und Organisationsformen fündig geworden. Immerhin konnten wesentliche Sachfragen befriedigend beantwortet werden. Andererseits bleibt das Personalproblem des bundesdeutschen Sports weiterhin ungelöst. Es gipfelt mehr denn je in der Frage: Was will Willi Daume?

Die formale Abgrenzung der Kompetenzen und Aufgaben zwischen den wesentlichsten Organisationen des Sports ist inzwischen erfolgt oder vor dem Abschluß, Der Deutsche Sportbund (DSB) ist und bleibt der Dachverband des Sports der Bundesrepublik, in dem alle relevanten Kräfte des Sports künftig gebündelt werden sollen. Das Nationale Olympische Komitee für Deutschland (NOK) hat ein größeres Gewicht bekommen. Es begnügt sich nicht mehr mit der Funktion eines olympischen Reisebüros, das alle vier Jahre Olympiamannschaften entsendet. Sondern es nimmt sich künftig das Recht, sich auch zwischen den Olympiaden um den Hochleistungssport zu kümmern. Dieses Mitspracherecht ist vom DSB akzeptiert worden, und es wird realisiert über den Bundesausschuß zur Förderung des Leistungssports (BAL). Schließlich vermochte sich die Stiftung Deutsche Sporthilfe (DSH) zu einer unersetzlichen Organisation für den Hochleistungssport zu profilieren, die inzwischen ihren Frieden mit den Fachverbänden geschlossen und somit die Grundlage für effektivere Zusammenarbeit gelegt hat.

Die Kooperation zwischen DSB, NOK und Sporthilfe soll durch die gegenseitige Vertretung in den jeweiligen Präsidien verbessert werden. So ist inzwischen folgende Satzungsänderung des DSB, die bei einem außerordentlichen Bundestag am 9. Februar in Frankfurt verabschiedet werden soll, unumstritten: In einem geschäftsführenden DSB-Präsidium werden künftig auch der NOK-Präsident und der Sporthilfe-Vorsitzende Sitz und Stimme haben. Damit würde eine neue Entscheidungsebene geschaffen, doch sie liegt nicht, wie Josef Neckermann vor einem halben Jahr vorgeschlagen hatte, außerhalb des DSB, sondern innerhalb.

Paragraphen und Regeln pflegen nur dann auch zu funktionieren, wenn sie von allen Beteiligten gleichermaßen ausgelegt werden. Und dann kommt es natürlich immer darauf an, welche Personen hinter diesen Interpretationen stehen und welches Gewicht ihnen somit gegeben wird. So gesehen vermag das bisher Erreichte noch nicht zu befriedigen. Die Befürchtung, daß große Kontroversen noch bevorstehen, ist nicht von der Hand zu weisen.

Alle Probleme hängen irgendwie mit Willi Daume zusammen. Sie rühren daher, daß der sechzigjährige Sportführer von der Leistung, von der Befähigung und vom Prestige her nach wie vor und mehr denn je die Nummer, eins hierzulande ist. Andererseits fehlt ihm nach seinem Rückzug vom Stuhl des DSB-Präsidenten 1970 die amtliche Legitimation. Und nach Abschluß der olympischen Geschäfte 1972 hat der Präsident des Organisationskomitees der Münchner Spiele nichts oder viel zuwenig getan, um wieder an die erste Stelle zu rücken. Den Ruf. zurück in das Amt, den Daume erwartet haben mochte, blieb, jedenfalls aus. Und so kommt es, daß in den nächsten Monaten das eine Rolle spielen wird, was DSB-Generalsekretär Karlheinz Gieseler in seinem umstrittenen Papier die „uneingeschränkte Sprecherrolle des DSB“ genannt hat.

In der Einbeziehung des NOK-Präsidenten und des Sporthilfe-Chefs in ein künftig geschäftsführendes DSB-Präsidium sehen Gieseler und viele andere nicht nur eine verbesserte Kooperationsgrundlage, sondern auch eine Disziplinierung von Daume und Neckermann. Beide sollen -fest eingebunden, Alleingänge erschwert werden. Zumindest für Daume ist eine derartige Gewichtung nicht akzeptabel, wie sich zuletzt wieder bei der NOK-Hauptversammlung vor 14 Tagen in Frankfurt herausgestellt hat. Dort nämlich wollten die Fachverbandsvertreter Daume mit einer Erklärung an die Sprecherrolle des DSB binden. Der NOK-Präsident bekam davon Wind, und durch massiven Druck konnte er sie verhindern.