Von Jens Friedemann

Der Leiter des geologischen Überwachungsdienstes in den USA schlug Alarm: „Wenn wir weiterhin so viel Öl verbrauchen, bricht unsere Versorgung zusammen. Zehn Millionen Autofahrer wären auf die Güte der englischen Regierung angewiesen.“ Diese „schreckliche Vorstellung“ entstammt dem Jahr 1922. Die USA hatten ihre erste Ölkrise. Der ungewohnt anschwellende Ölkonsum der Amerikaner ließ die Befürchtung aufkommen, die eigenen Quellen, die damals 70 Millionen Tonnen produzierten, könnten in absehbarer Zeit versiegen. Man wäre auf englisches Importöl angewiesen.

1973, fünfzig Jahre später, sprudeln die Ölquellen in Texas und Kalifornien munterer als je zuvor. In diesem Jahr werden sie achtzigmal mehr hergeben (rund 550 Millionen Tonnen) als 1922. Tausende von prospektiven Feldern – insbesondere in den Küstenzonen – sind nicht einmal erforscht. Meist hemmen Umweltschutzvorschriften die Exploration.

öldaten sind schlüpfrig. Wer die Statistiken der Mineralölkonzerne vergleicht, ist erstaunt. 1960 wurden die Weltölreserven mit 41 Milliarden Tonnen beziffert, 1972 sind es aber mehr als das Doppelte, nämlich 90,35 Milliarden Tonnen. Die Ölleute sprechen von „erwiesenen Reserven“ und meinen damit die sicher georteten Mengen, die mit den gegenwärtigen technischen Möglichkeiten zu heutigen Preisen gefördert werden können. Hier beginnt die Gleichung mit Unbekannten:

Mit den „gegenwärtigen Techniken“ lassen sich zur Zeit gerade 35 Prozent eines Ölvorkommens kommerziell ausnutzen; 65 Prozent bleiben im Boden. Die Förderung der übrigen Menge wäre zu kostspielig. Das heißt: Wenn die Ingenieure entsprechende Fördertechniken entwickeln ... oder wenn Öl so teuer wie Whisky wäre und sich der Einsatz komplizierter Hochdruckpumpen lohnt, ließen sich die Ölreserven der Welt mit einem Schlag verdoppeln oder sogar verdreifachen.

Ein Beispiel: Saudi-Arabien verfügt über bestätigte Ölvorräte von rund 19 Milliarden Tonnen. Damit könnte es den gesamten Weltbedarf (bei gleichbleibendem Verbrauch) acht Jahre lang versorgen. Entwickelten Techniker ein Verfahren, daß es ermöglicht, mindestens die Hälfte – der ungeprüften Reserven (schätzungsweise 35 Milliarden Tonnen) aus den riesigen unterirdischen Wannen herauszusaugen, könnten allein die öligen Schatzkammern König Feisals die Welt bis Anfang der neunziger Jahre versorgen.

Die Hypothese tröstet die Ölländer im Mittleren Osten – in denen fast. 54 Prozent der sicheren Reserven lagern – wenig. Die Fördertechniken haben sich in den letzten fünfzig Jahren nämlich keineswegs spürbar verbessert. Die Quellen im arabischen Wüstensand sprudeln ohne technische Hilfe. Durch die Burgan-Pipeline in Kuwait, deren Durchmesser so groß ist, daß ein VW im Rohr Platz fände, fließt Öl mit einem Eigendruck, der höher ist als der an der Düse eines Feuerwehrschlauches. Wenn dieser Druck eines Tages abfällt, ist es mit der Förderung vorerst aus. Ob normale Pumpen die Kraft der Natur ersetzen können, vermag niemand zu sagen. Verständlich, wenn die Förderländer um ihre Vorräte besorgt sind und den Ölhahn nichtnoch weiter aufdrehen wollen.