Besonnene Leute haben schon lange vor einer drohenden Energiekrise gewarnt. Doch ihre Kassandrarufe verhallten ungehört, und ihrer Forderung, mit den vorhandenen Kraftquellen haushälterisch umzugehen, begegnete man mit dem Argument: Der technische Fortschritt werde uns schon rechtzeitig einen Weg aus der Klemme weisen – bisher sei es ja auch immer so gewesen.

Jetzt, da wir einen Hauch von dem verspüren, was in den kommenden Dezennien unser Schicksal bestimmen wird, die zunehmende Verknappung und Verteuerung fossiler Brennstoffe, jetzt fragen sich viele, wie es denn nun um den vielzitierten Fortschritt auf diesem Gebiet steht. Werden wir in absehbarer Zeit bislang unerschlossene Energiequellen in dem Maße ausschöpfen können, in dem Öl, Kohle und Erdgas rar werden? Bisher wissen wir nicht einmal, wie groß die Ölvorräte der Welt wirklich sind (siehe Seite 45).

Die Aussichten sind keineswegs rosig. Dabei ist das Reservoir an potentieller „neuer“ Energie auf dieser Erde gigantisch. Allein die Gezeiten der Weltmeere würden, könnten wir sie restlos nutzen, die Hälfte der derzeit industriell verbrauchten Energie abgeben. Die aus den Tiefen des Globus aufsteigende Erdwärme stellt eine Energiemenge dar, die dem Sechsfachen des gegenwärtigen Welt-Energiebedarfs entspricht; und mit dem Licht der Sonne gelangt sogar dreißigmal soviel Energie zu unserem Planeten.

Indes, im Bemühen, diese „ewigen“ Kraftspender für unsere Zivilisation arbeiten zu lassen, sind der Technik enge Grenzen gezogen. Gezeitenkraftwerke gibt es schon – Paradebeispiel ist die 350 Megawatt produzierende Anlage bei Saint-Malo an der französischen Atlantikküste –, aber sie lassen sich nicht beliebig vermehren. Denn lohnend sind sie erst an solchen Küsten, an denen der Unterschied zwischen Hoch- und Niedrigwasser mindestens 10 Meter beträgt, und davon gibt es nicht viel. Optimistischen Schätzungen zufolge ist aus dem Wechsel zwischen Ebbe und Flut, also: aus der Rotation unseres Gestirns, nicht mehr herauszuholen als ein Prozent dessen, womit wir zur Zeit unseren Energiehunger stillen.

Ein Prozent ist auch der maximale Beitrag alaller überhaupt technisch möglichen geothemischen Kraftwerke, in denen, wie in der schon 1904 südlich von Florenz errichteten, heute 370 Megawatt Strom produzierenden Anlage, der aus dem Erdinnern aufsteigende Wasserdampf Turbinen antreibt oder – was bislang noch nicht bewältigt worden ist – aus 40 Kilometer tiefen Bohrlöchern hervorgeholte Erdwärme in Elektrizität verwandelt wird.

Mit weitem Abstand die reichste der unerschöpflichen Quellen ist die Sonnenenergie. In ihrer auf der Erde gespeicherten Form hat sie die Menschheit mit der Verbrennung von Holz, Kohle, Öl oder Erdgas und der Nutzung von Wasserkraft weidlich ausgeschöpft. Die direkte Umwandlung von Sonnenlicht in mechanische oder elektrische Arbeit stößt, sofern sie im Großen geschehen soll, auf arge Schwierigkeiten.

Was Astronauten und das All durchfliegende Roboter ausreichend mit Energie versorgt, ist für die Zivilisation auf dem Raumschiff Erde technisch unerschwinglich: die Elektrizitätsgewinnung aus Sonnenzellen. Wollte man nämlich damit ein Kraftwerk mittlerer Kapazität (1000 Megawatt) betreiben, dann wäre dafür allein zum Auffangen des Lichts an einem sonnenreichen Ort eine Fläche von 70 Quadratkilometern erforderlich. Und die Fläche müßte von einem sorgsam verdrahteten, Geflecht aus unzähligen Präzisionsinstrumenten bedeckt sein.