In Brandts Kanzleramt gibt es zwei Gruppen von Beratern: Eine von der Funktion geprägte, in der persönliche Bindungen noch verhalten sind, und eine, in der das persönliche Verhältnis überwiegt. Zu jener Gruppe muß man Horst Graben, den beamteten Staatssekretär und Chef des Kanzleramtes, zählen, Karl Ravens, den parlamentarischen Staatssekretär, und Albrecht Müller, den Leiter des Planungsstabes; ferner Egon Bahr, den Vertrauten in vielen, Günter Gaus, den Verehrer seit einigen, Klaus Harpprecht, den Bewunderer seit wenigen Jahren. Auch sie haben Funktionen – aber sie wurden für sie geschaffen, während die Funktionen der anderen sozusagen institutionell sind. Der Vergleich zu Erhard drängt sich auf, der das Amt des Kanzleramtsministers geschaffen hatte, um der Pensionierung seines Staatssekretärs Westrick zu entgehen.

In seiner ersten Amtsperiode versammelte sich um Brandt ein intellektuell angereicherter Kreis, der sich nicht die Vorbereitung politischer Entscheidungen, sondern ihre Analyse, ihre philosophische, ihre geistige Durchtränkung und Durchdringung vorgenommen hatte – ein Kreis, dem der damalige Journalist Gaus, dem Grass, Heinrich Böll, zuzeiten Alexander Mitscherlich, Professor von Hentig, immer aber Leo Bauer als Anreger angehörten, ein Mann von bedingungsloser Treue.

Ludwig Erhard hatte einen ähnlich verfaßten, von Karl Hohmann initiierten „Sonderkreis“, der von 1964 an drei- bis viermal im Monat zusammenkam und dem besonders, an einer neuen „gesellschaftspolitischen Sinngebung“ gelegen war. Johannes Gross, Rüdiger Altmann, Professor Wildenmann, Hermann Blume konzipierten dort die „formierte Gesellschaft“ und das „Deutsche Gemeinschaftswerk“. Daneben wirkte der „Neuhauser Kreis“, eine Gruppe von Wirtschaftsjournalisten: Ulrich Fack (jetzt Herausgeber der FAZ), Kurt Steves, Hans-Henning Zencke zählten dazu.

Kaum zu unterschätzen war die Wirkung der beiden Leiter des Presseamtes unter Erhard und Brandt: Karl-Günter von Hase und Conrad Ahlers schäumten manches Berater-Gebräu ab, wobei Ahlers politisch intensiver und eigenwilliger, von Hase gehorsamer war. Beide vermochten es, Schwächen der Regierung zu übertünchen – der eine durch Verbindlichkeit, der andere durch Ehrlichkeit. Auffallend ist, daß der Ansehensschwund der Regierung Brandt mit dem weitgehenden Ausschluß Rüdiger von Wechmars aus der Nähe Brandts begonnen hat. Dort wird zwar intellektuell brillant gedacht, doch die Abkapselung gefordert: Nun brüten allzu Ähnliche zusammen. Grabert und Ravens, Bahr und Gaus sind wie Brandt eher introvertierte Figuren. Klaus Harpprecht schließlich, der vom Kanzler auch zwischen den Terminen zum abschweifenden, ablenkenden Plausch gerufen wird, verstärkt durch sinnige Grübeleien des Kanzlers Grübeleien über den Sinn der Politik. Verlust des Kontaktes zur Außenwelt war auch ein Merkmal der Erhard-Ära.

Ob sie zur Korrektur beigetragen haben, weiß man nicht – aber die beiden singularen persönlichen Freundschaften zwischen Konrad Adenauer und Robert Pferdmenges, dem Kölner Bankier, und zwischen Kurt Georg Kiesinger und Gerhard („Kreuzerle“) Todenhöfer, dem pfälzischen Wirtschaftsmann, haben relativierenden Einfluß gehabt. Robert Pferdmenges instinkthafte Einsichten haben Adenauer viel bedeutet, weil er Uneigennutz voraussetzen konnte bei einem Freund, der vierzig Jahre lang Weggefährte war. Die Chance, Undenkbares mit einem Menschen bedenken, Unsagbares mit einem Freund besprechen zu können, haben Mächtige selten. Einen Beraterkreis hat Adenauer nie gehabt. In seinem Amt gab es Helfer und einen ihm vierzehn Jahre lang lautlos zuarbeitenden Diener, Hans Globke.

Wohl hat Adenauer das Gespräch mit vielen gesucht. Er hat sich Zeit genommen. Höfische Naturen hat er verachtet und allenfalls benutzt, lange geduldet hat er sie nicht. Wer Ambitionen verriet wie sein Staatssekretär von 1951 bis 1953, Otto Lenz, dem ein Propagandaministerium vorschwebte, verlor die Gunst. Loyalitäten, die nach der Beobachtung eines ihm Nahestehenden für Brandt eine Art Freundschaftsersatz sind, hat Adenauer nur wenige gekannt. Unter seiner Autorität wurden Menschen zu „Jawoll“-Naturen, die sich überlegen dünkten. Ghostwriter hatte er nur einen, und auch den nur für kurze Zeit: Ernst Friedlaender, Vater von Katharina Focke. Heinrich Krone, Fraktionsvorsitzender der CDU/CSU, später Sonderminister im Kanzleramt, war seiner Selbstlosigkeit und Bereitschaft zur Unterordnung wegen wohlgelitten. Aber fast alle, die in Adenauers Nähe kamen, waren für ihn mehr oder minder wertvolles Instrument der Machtausübung – mit Ausnahme von Robert Pferdmenges und Hermann Josef Abs, mit denen er die Distanz zu Menschen, zu Spottfreude, gemeinsam hatte. Pferdmenges, Abs und vielleicht Felix von Eckardt – im besten Wortsinne Hofnarr Adenauers – konnten den ersten Bundeskanzler politisch mahnen, warnen, ihm Fehler vorhalten; nur Pferdmenges und dem „getreuen Eckardt“ vertraute er sich an.

Zwischen dem politischen Archetypus Adenauer und den introvertierten, umschwärmten Charismatikern Brandt und Erhard ist Kurt Georg Kiesinger angesiedelt, ein Kanzlertypus, dem Schmeichelei nichts Verachtenswertes war. Schönsinnige Gespräche und historisierende Plaudereien gehörten für ihn zum gepflegten politischen Stil. Kiesinger hätte sich niemals mit Journalisten so eingelassen wie Erhard, sie niemals so in scheinbare Vertraulichkeit einbezogen wie Adenauer und sie schon gar nicht in ein so enges Arbeitsverhältnis gebracht wie Brandt. In ihm war ein bißchen Verächtlichkeit gegen Menschen angelegt – aber er brachte anders als Adenauer wenigstens die Überzeugung auf, daß es noch einige kongeniale Partner gebe.