Von Eckart Kleßmann

Wer diese 1186 Seiten gelesen hat, darf sagen, er sei klüger aus diesem Leseabenteuer hervorgegangen. Er wird ein ganzes Kapitel deutscher Geschichte mit anderen, kritisch geschärften Augen ansehen. Zwar sollte dieses bedeutende Unternehmen ursprünglich sechs Bände umfassen, aber da es zwischen Herausgeber und Autoren Differenzen gegeben haben soll, wird es wohl bei den vorliegenden vier Bänden bleiben –

„Deutsche revolutionäre Demokraten“, herausgegeben und eingeleitet von Walter Grab; Band 1: Hans Werner Engels: „Gedichte und Lieder deutscher Jakobiner“; 252 S., 20,– DM; Band 2: Alfred Körner: „Die Wiener Jakobiner“; 274 S., 22,– DM; Bd. 3: Walter Grab: „Leben und Werke norddeutscher Jakobiner“; 324 S., 24,– DM; Band 4: Gerhard Steiner: „Jakobinerschauspiel und Jakobinertheater“; 336 S., 25,– DM; J. B. Metzlersche Verlagsbuchhandlung, Stuttgart, 1972/73

Der israelische Historiker Walter Grab, Professor an der Universität Tel Aviv und dort Leiter des Instituts für Deutsche Geschichte, hat sich durch einige Publikationen als exzellenter Kenner deutschen Jakobinertums ausgewiesen. Was er und seine Mitarbeiter hier zusammengetragen haben, wird das tradierte deutsche Geschichtsbild konservativer Prägung entscheidend beeinflussen, weil es endlich die totgeschwiegenen demokratischen Traditionen unserer Vergangenheit ins Licht rückt.

Jakobiner: Das ist heute kein Ehrentitel im allgemeinen bürgerlichen Verständnis. Wer heute von „Jakobinern“ spricht, meint linksradikale Kräfte oder Anarcho-Rebellen. „Jakobiner“ bedeutete um 1790 nichts anderes als „Demokraten“ (auch dies damals ein Schimpfwort). Von den bürgerlichen Liberalen, die auf. ihre Fürsten ungern verzichten wollten, unterschieden sich die Jakobiner durch das Verlangen nach absoluter Volkssouveränität. Die Jakobiner hielten wenig von Reformen; sie wollten den Umsturz, um den unterdrückten Massen zu ihrem Recht zu verhelfen. Daß norddeutsche Jakobiner wie Würzer aber eher auf Reformen setzten, bewirkte die Uneinheitlichkeit dieser politischen Richtung, die ein ähnliches Bild bot wie etwa die SPD heute, wo „Linkskonservative“ und Jusos unter einem ideologischen Dach leben.

Die Frage war nur, wie man dieses radikaldemokratische Grundkonzept unter den Massen verbreiten konnte. Die Ideologen kümmerten sich erstaunlich wenig um die Massen, mit zwei Ausnahmen: in der Verbreitung von revolutionären Liedern und Theaterstücken.

Unsere medienverwöhnte Zeit neigt dazu, das politische Lied als politische Waffe zu bespötteln; wir genießen unsern Biermann, unsern Degenhardt gern ästhetisch und lassen uns die Partys mit Bob Dylans Protestliedern würzen. Ende des 18. Jahrhunderts aber hatte das politische Lied noch seine ungebrochene Kraft. Kein Radio, Fernsehen, Kino, keine den Massen erschwingliche und verständliche Presse. All diese Funktionen mußte das politische Lied übernehmen, informierend, agitierend. Frankreichs Revolutionsarmeen stürmten mit Bajonett und Marseillaise.