Von Horst Petri

Dr. Helmut Petri ist Assistenz-Professor an der Jugendpsychiatrischen Poliklinik der Freien Universität Berlin. In einem Aufruf fordert er die Ärzte in der Bundesrepublik auf, sich gegen die Entschließung des Deutschen Ärztetages auszusprechen.

Der 76. Deutsche Ärztetag hat in München mit einer Entschließung in die Reformdebatte zum § 218 StGB eingegriffen. Diese Entschließung der offiziellen Standesvertretung der Deutschen Ärzteschaft muß ernst genommen werden, da das politische Gewicht dieser überwiegend konservativ strukturierten Berufsgruppe bei dem Versuch, notwendige gesundheitspolitische Reformen zu verhindern, nicht unterschätzt werden darf. Die Entschließung fordert daher die entschiedene Stellungnahme aller reformwilligen Ärzte. Die vorliegende Stellungnahme erfolgt auf der Basis deprimierender Erfahrungen, wie sie im Zusammenhang mit dem Thema der Geburtenregelung auf dem Gebiet der Kinder- und Jugendpsychiatrie täglich gemacht werden.

Die Entschließung beginnt mit einem programmatischen Bekenntnis, dessen ideologische Fixierung bis heute Sachdiskussionen zementiert hat: "Die Achtung und Erhaltung des menschlichen Lebens muß oberster Grundsatz für die Entscheidung bleiben, ob ein Schwangerschaftsabbruch legal durchgeführt werden kann. Auch das werdende menschliche Leben ist schutzwürdig und darf aus ärztlicher Sicht nur um der Erhaltung der Gesundheit der werdenden Mutter willen geopfert werden. Der Deutsche Ärztetag lehnt daher die strafrechtliche Freigabe des Schwangerschaftsabbruchs im Rahmen einer Frist von drei Monaten ab..."

Das Prinzip des "Lebens um jeden Preis" – Ausnahmen läßt die Entschließung nur für die medizinische Indikation, das heißt bei der Gefahr für das Leben der Schwangeren oder bei der Gefahr "einer schwerwiegenden Beeinträchtigung ihres Gesundheitszustandes" zu – gerät damit in einen unauflösbaren Widerspruch zu Artikel 2 des Grundgesetzes, der jedem Menschen das Recht auf die freie Entfaltung seiner Persönlichkeit garantiert und zu Paragraph 1 des Jugendwohlfahrtsgesetzes, der jedem Kind "ein Recht auf Erziehung zur leiblichen, seelischen und gesellschaftlichen Tüchtigkeit" zugesteht.

Der Deutsche Ärztetag setzt sich mit seiner Entschließung über diesen Widerspruch hinweg und verleugnet Fakten und Zahlen, in denen sich dieser Widerspruch in der gesellschaftlichen Praxis niederschlägt. Die ungeliebtesten und von der allgemeinen Kinderfeindlichkeit am härtesten betroffenen Kinder in unserer Gesellschaft sind die nicht ehelich geborenen; auch die vorehelich geborenen, die "Muß-Ehen-Kinder", die Scheidungskinder aus Frühehen und die innerhalb einer Ehe ungewollt gezeugten und unerwünscht geborenen Kinder trifft oft ein ähnlich schweres Schicksal.

Die Zwänge der Natur und der gesellschaftlichen Ideologie, die für alle diese Kinder die primären Bedingungen ihrer Existenz darstellen und die durch diese Existenz ausgelösten psychischen und ökonomischen Zwänge für die Mutter, die Familie oder die Gesellschaft, schlagen in oft unmenschlicher Weise auf die Kinder zurück: Vernachlässigung, Ablehnung und Haß sind die Ausdrucksformen dieses Wechselprozesses, in dem die Kinder ohnmächtige Opfer sind.