Wirtschaftliche Schwierigkeiten zwingen viele kleine Verlage zur Aufgabe

Ich wundere mich, daß nicht noch mehr Firmen verkauft werden oder Pleite machen.“ Die skeptische Bemerkung des Münchner Verlegers Klaus G. Saur bezieht sich auf eine Branche, die zur Zeit auch von anderen Beobachtern nicht gerade mit optimistischen Prognosen bedacht wird: das Buchverlagswesen. Allein in den vergangenen vierzehn Tagen wurden drei Verkäufe und ein Vergleichsantrag bekannt. Und wenn nicht alle Zeichen trügen, werden es nicht die letzten sein. Verkauft wurden zwei renommierte Nachkriegsgründungen, der Münchner Belletristik- und Sachbuchverlag Kurt Desch und der wissenschaftliche Westdeutsche Verlag in Opladen sowie die über hundert Jahre alte Friedrich Bassermannsche Verlagsbuchhandlung in München, die einst die Originalausgaben von Wilhelm Busch herausbrachte. Vergleich hat der junge, ebenfalls in München residierende König-Taschenbuchverlag angemeldet.

Der König-Verlag wurde erst im vergangenen Jahr von dem Formularverlags- und Druckereibesitzer Willy König gegründet – zu einer Zeit, als die großen Taschenbuch-Verleger bereits von einer Übersättigung des Taschenbuchmarktes und von der Unmöglichkeit sprachen, die große Zahl neu erscheinender Titel mit den für die Taschenbuch-Kalkulation notwendigen hohen Auflagen zu vereinbaren. Dennoch setzte sich Willy König – gestärkt durch eine Markt-Untersuchung – gleich zu Anfang ein anspruchsvolles Ziel: rund fünf Millionen Umsatz im Jahr.

Seit April dieses Jahres wurden 160 Titel in acht Reihen – von der Belletristik bis zum Kochbuch – mit einer Erstauflage von jeweils 12 000 Exemplaren ausgeliefert. Doch König-Taschenbücher wurden nur in 1000 Buchhandlungen und in keinem Kaufhaus geführt. So kursierte denn schon seit Wochen in der Branche das Gerücht, daß der Verlag in Finanzschwierigkeiten sei. Die Schulden betragen heute rund zwei Millionen Mark. Hauptgläubiger sind die drei anderen König-Firmen (Gesamtumsatz acht Millionen Mark) und drei Druckereien. König will jedoch das Taschenbuchgeschäft keineswegs ganz aufgeben. Das – allerdings stark reduzierte Programm – soll ivon der König Verlag Zürich AG weitergeführt werden, an der der Münchner Verleger beteiligt ist und die alle Lizenzrechte der König-Taschenbücher besitzt.

Der Desch-Verlag wurde mit der ersten amerikanischen Verlagslizenz bereits im November 1945 errichtet. Obwohl der Verleger damals völlig unbekannt war, brachte er schon zu Weihnachten desselben Jahres neun Bücher in einer Auflage von insgesamt 247 000 Exemplaren auf den Markt. Jetzt wird Desch von den Brüdern Hermann und Helmut Kampsmeyer übernommen. Die Gebrüder Kampsmeyer sind Inhaber des Münchner Unitex-Verlags, in dem Nachschlagewerke für Banken und Hotels, Industrie und Handel erscheinen, und der Kampsmeyer KG, einer Reise- und Versandbuchhandlung, die unter anderem für den Bertelsmann-Konzern arbeitet.

Der Umsatz des Desch-Buchverlags, zu dem noch die Buchgemeinschaft „Welt im Buch“ und ein Theaterverlag gehören, wird von Verlagsleiter Hans Josef Mundt mit fünf bis sechs Millionen angegeben. Diese Summe, die Branchenkenner für zu hoch halten, erklärt Helmut Kampsmeyer mit der Tatsache, daß in dem Betrag ein erheblicher (von Außenstehenden schlecht kalkulierbarer) Anteil von Lizenzeinnahmen enthalten sei. Tatsächlich verfügt der Verlag mit rund 4000 Titeln über ein Rechtereservoir, das ständige Erlöse aus in- und ausländischen Lizenzverträgen, etwa mit Verlagen, Buchgemeinschaften, Taschenbuchverlagen, Filmproduzenten und Fernsehanstalten, garantieren dürfte.

Der 1947 gegründete und auf Betriebswirtschaft, Sozial- und Politische Wissenschaften spezialisierte Westdeutsche Verlag, der sich bisher ebenso wie die Muttergesellschaft, die Druckerei Dr. Friedrich Middelhauve GmbH, im Besitz der Familie Middelhauve befand, wird ab nächstem Jahr die bereits recht umfängliche Liste der Bertelsmann-Verlage bereichern. Das Opladener Unternehmen, das mehrere Zeitschriften und über 150 Titel pro Jahr herausbrachte, darunter etwa 50 Publikationen des nordrhein-westfälischen Landesamtes für Forschung, und einen Umsatz von vier Millionen Mark machte, soll Unter dem bisherigen Namen weitergeführt werden.

Organisatorisch wird der Westdeutsche Verlag voraussichtlich dem Bertelsmann-Universitätsverlag in Düsseldorf zugeordnet. Ob Teile des Programms in andere Bertelsmann-Verlage eingegliedert werden, beispielsweise der betriebswirtschaftliche Bereich in den Betriebswirtschaftlichen Verlag Dr. Th. Gabler in Wiesbaden, an dem Bertelsmann mit 30 Prozent beteiligt ist, steht noch nicht endgültig fest.

Im Gegensatz zum Verkauf des kleinen Bassermann-Verlags (geschätzter Umsatz 500 000 Mark) an den Wiesbadener Falken-Verlag (Ratgeber-Bücher), der primär auf eine Interessen-Konzentration des bisherigen Bassermann-Besitzers Ernst Battenberg zurückzuführen ist, erscheinen die drei anderen Veränderungen auf dem Büchermarkt symptomatisch.

Einmal gibt es eine ganze Reihe von nach dem Krieg gegründeten Verlagen, deren Inhaber mittlerweile das Pensionsalter erreicht oder längst überschritten und die keinen oder jedenfalls keinen geeigneten Nachfolger haben. Sie werden daher an andere Verleger verkauft – wie etwa der Desch-Verlag. Kurt Desch wurde im Juni dieses Jahres 70 Jahre alt und suchte schon seit längerem einen Partner.

Andere Verlage werden Opfer einer latenten Strukturkrise und der derzeitigen Hochzinspolitik in der Bundesrepublik. Das bundesdeutsche Verlagswesen besteht mehrheitlich aus mittelständischen und meist unterkapitalisierten Unternehmen. Nach der letzten zugänglichen Umsatzstatistik aus dem Jahre 1970 setzen fast drei Viertel aller Verlage (Kleinstbetriebe nicht mitgerechnet) weniger als eine Million Mark um, weitere 19 Prozent zwischen einer und zehn Millionen. Solche Unternehmen verfügen weder über große Reserven, die sie an Stelle von Fremdkapital einsetzen können, noch sind sie – wenn sie überhaupt Kredite bekämen – bei dem Preiswettbewerb auf dem Buchmarkt in der Lage, die derzeit üblichen Schuldzinsen in ihren Kalkulationen unterzubringen. „Die Kreditrestriktionen“, so Friedrich Middelhauve, „schlagen in solchen Unternehmen voll durch.“

Etwa 20 Verlage, so ist in der Branche zu hören, werden derzeit auf dem Markt zum Verkauf angeboten. Darunter sind sowohl belletristische und Sachbuchverlage als auch Unternehmen mit wissenschaftlicher und Fachproduktion. Das Angebot ist derzeit größer als die Nachfrage. So mancher Verleger klopft heute vergeblich an Kollegen-Türen an. Doch erst im Frühjahr nächsten Jahres – wenn das Weihnachtsgeschäft zu übersehen ist und wenn, wie erwartet, die Kreditrestriktionen gelockert werden – wird sich zeigen, ob die Konzentration im Verlagswesen weiter fortschreitet oder ob noch mancher Verlag ganz einfach seine Pforten schließt. Heidi Dürr