Neu in Museen und Galerien:

Hannover Bis zum 27. Januar 1974, Kunstverein: „Kunst nach Wirklichkeit – Ein neuer Realismus in Amerika und in Europa“

Ein neuer Realismus? Neu war er vor drei oder zehn Jahren. Man sollte endlich Schluß damit machen, diesen ehemals neuen Realismus immer noch als Novität anzupreisen und zu verkaufen, er hat das nicht nötig. Im übrigen ist die Hannoveraner Schau die letzte und auch die beste unter den zahlreichen Realismusdarbietungen des zu Ende gehenden Jahres. Denn hier sind auch die europäischen Künstler angemessen vertreten in einerknappen und konzentrierten Auswahl, an der 13 Amerikaner und 23 Europäer beteiligt sind. Es soll damit keinem europäischen Chauvinismus das Wort geredet, es soll nur die These korrigiert werden, daß es sich bei der „Kunst nach Wirklichkeit“ wie seinerzeit bei der Pop Art um eine ausschließlich amerikanische Initiative handele. Das Prioritätsproblem wird durch Künstler wie Gnoli, Richter, Klapheck zum mindesten offengehalten. Ein zweites positives Kriterium dieser Realistenschau: die Vorgeschichte der Stilbewegung, ihre historische Dimension wird immerhin angedeutet. Man muß den heutigen Realismus ja nicht gleich bei Courbet anfangen lassen, wie das in Recklinghausen der Fall war, oder ihn bis zur realistischen Phase der Höhlenmalerei zurückverfolgen. Aber es ist richtig und ausreichend, den Kanadier Alex Colville („Milk Truck“ von 1959) und den Italiener Domenico Gnoli in die Betrachtung einzubeziehen. Doch wird hier „Kunst nach Wirklichkeit“, trotz Colville und Gnoli, nicht nur retrospektiv dargestellt. Die vielen Arbeiten aus den Jahren 1972 und 1973 beweisen eindrucksvoll, daß der Realismus mit der documenta 72 weder seinen Höhepunkt geschweige seinen Endpunkt erreicht hat. Wir sollten uns ruhig darauf einrichten, noch eine ganze Weile mit ihm zu leben. Die Ausstellung wurde vom Centre National d’Art Contemporain in Paris (CNAC) organisiert, wo sie nach ihrer Premiere in Hannover gezeigt wird. Die weiteren Stationen sind Rotterdam und Mailand.

Köln Bis zum 25. Januar 1974, Galerie Thelen: „Wolf gang Schröder: ‚August Graf von Platen‘“

Kunst nach Literatur: die Zeiten, wo das als sakrilegisch verketzert wurde, sind glücklicherweise vorüber. Wolfgang Schröder hat solche Skrupel nie gekannt, von Anfang an war seine Arbeit auf Literatur fixiert. Mit „La France Litteraire“ und „Das literarische Deutschland“ debütierte er auf der deutschen Kunstszene. Jetzt also bei Thelen ein Platen-Zyklus, 25 Bilder und Aquarelle, die Leben und Werk des Dichters thematisieren, seinen Glanz und sein Elend, die selbstgewählte Einsamkeit, Italien, Syrakus, die „Heroische Landschaft“, Zypressen und antike Ruinen. Eine visualisierte Biographie, aber eine malerische Interpretation der Dichtung. „Wer die Schönheit angeschaut mit Augen/Ist dem Tode schon anheimgegeben Denn ein Tor nur kann auf Erden hoffen/Zu genügen einem solchen Triebe.“ Jedem der Bilder hat Wolfgang Schröder einen breiten Rahmen zugeordnet, der in seiner irisierenden, hell oder dunkel getönten Farbigkeit das zentrale Motiv kommentiert. Auf dieser Mittelfläche tauchen die Figuren und die Requisiten der Handlung auf, Bildnisköpfe, die als Scherenschnitt schräg in eine Landschaft gestellt sind. Der junge Platen, Platen auf schwarzem Grund, Platen mit Kalla, dann die Bildnisse der Freunde, Friedrich von Brandenstein, mit der Tulpe, Wilhelm von Hornstein erscheint und der schöne Knabe Federigo. Die Namen von Schelling, Rückert, Lenau werden eingeblendet (Platens literarische Gegner, Heine an der Spitze, werden nicht zitiert). Die Bilder sind keine Illustrationen zu Platen, vielmehr ein exzellentes Beispiel literarischer Malerei. Gottfried Sello

Stuttgart Bis zum 6. Januar 1974, Staatsgalerie: „Otto Ulmer“

Ein ungewöhnlicher Vorgang: Da erscheint ganz plötzlich auf der Kunstszene ein namenloser Akteur, der sich beim ersten Vorsprechen durch meisterhafte Beherrschung seiner Mittel ausweist: Otto Ulmer (1904–1973), ein Mann aus der Textilbranche, ein Autodidakt, der abseits vom Kunstbetrieb, fast ohne Kontakt zum aktuellen Geschehen seine eigene Kunst sich erfunden hat – eine Kunst, die durch außerordentliche Qualität unmittelbar überzeugt. Die ausgestellten Arbeiten, Collagen und Assemblagen aus den Jahren 1968–1973 lassen keinen Zweifel daran, daß Ulmer, wäre er nicht im Verborgenen geblieben, heute zur Prominenz zählte. Andererseits verdankte er gerade dieser bewußten und gewollten Isolierung seine Selbstsicherheit. Er vertraute, fast naiv, der Fähigkeit der Materialien, sich in Kunst zu verwandeln. Zauber des Materials, eine abgegriffene Vokabel, erhält bei ihm ihren ursprünglichen Sinn zurück. Ulmer, der poetische Objektemacher, hat es verstanden, ihn zu beschwören. Helmut Schneider