Die zwei letzten Bücher von Peter Handke, „Klassenliebe“ von Karin Struck, „Lenz“ von Peter Schneider, der Film „La Maman et la Putain“ von Jean Eustache, vieles, was Fassbinder macht, auch das Fernsehen, wo es nicht mit kalter Routine Programm absolviert, Magazine, Features, Spiele wie vom Computer gefertigt, sondern wo es Menschen menschlich zeigt, sie sich selber darstellen und artikulieren läßt – das sind Beispiele nicht für Neoromantik, Eskapismus, politische Resignation, nicht präziöse private Fluchtwelten, sondern es sind, jedes auf seine Art, Absagen an jene seelische Verkrüppelung, die hinter der hohlen, leeren Begrifflichkeit des politischen Modejargons steht, Plädoyers für etwas mehr Menschlichkeit und Natürlichkeit in einer politischen Diskussion, die sich hoffnungslos in einen verbiesterten und verbohrten Dogmatismus verstiegen hat.

Auch Alexander Kluges Film „Gelegenheitsarbeit einer Sklavin“ ist kein sarkastischer Kommentar zur Emanzipation, wie man es ihm vorgeworfen hat; vielmehr reichert auch er nur Theorie und Ideologie mit etwas mehr Sinnlichkeit und menschlicher Wärme an. Der Film und vor allem seine Hauptdarstellerin vermitteln eine Erfahrung, die so wenig wie die anderen erwähnten Beispiele ein neues Biedermeier einläutet, sondern die nur eine vielleicht noch fahrige, unklare, unsichere Phase der Besinnung und des Einhaltens signalisiert, ein Irrewerden an für viele von uns lange gültigen Positionen, Überzeugungen und Lebensweisen. Das Fazit kann sehr vage oder sehr konkret ausfallen: vernünftiger leben, Kinder kriegen, etwas verändern, Liebe, mehr Verständnis, rigoroser Individualismus, dableiben.

Kluges Film also. Schon wieder eine Nora: Sie hastet, schleppt, sorgt sich, gleicht aus, duldet. Mit einer illegalen Abtreibungspraxis ernährt Roswitha Bronski die Familie. Ihr Torvald heißt Franz, vergräbt sich in ein Zweitstudium, raunzt die drei kleinen Kinder an, wenn sie ihm lästig werden, ist mürrisch und rechthaberisch, mäkelt und „verbietet“. Die finanzielle Abhängigkeit von seiner Frau und die berufliche Erfolglosigkeit machen ihn schwer erträglich, zänkisch und ungerecht.

Roswitha wird angezeigt. Nun muß er das Geld verdienen, während sie eine neue Betätigung sucht, zu lesen, zu recherchieren beginnt. Sie interviewt Journalisten und Gewerkschaftler, besichtigt im Gefolge der hessischen Landesregierung Gastarbeiterwohnungen, streunt agitierend durch das Werk, in dem Franz als Chemiker arbeitet; mit einer Freundin formuliert sie politische Referate, übt einen Brecht-Song ein, klebt heimlich Plakate.

Aber die zwei verrennen sich, die Freundin springt ab, Roswithas Aktionen führen zur Entlassung ihres Mannes; Sie hat alles falsch gemacht. Am Ende verkauft sievor dem Werk heiße Würstchen, die sie in Flugschriften, einwickelt.

Behutsam läßt sich der Film auf diese Roswitha Bronski ein, verläuft sich mit ihr in die Episoden (bis nach Frankreich und Portugal), ufert aus wie ihre ziellosen Versuche, politisch zu handeln. Unverkrampft, ohne viel Aufhebens und mit schöner Leichtigkeit, aber seiner Mittel und Möglichkeiten listig bewußt, montiert Kluge ganz disparate Elemente zu einem Stück Realität von hier und jetzt. Er zeigt eine Abtreibung so lapidar und sachlich, daß sie als ein sehr natürlicher, verständlicher, menschlicher Vorgang erscheint; er stellt einen kritischen Abstand zu der Geschichte her durch Zwischentitel, Zitate aus sozialistischen Filmen wie „Kuhle Wampe“ und durch den von ihm selber gesprochenen Kommentar; er blendet heimelige Ludwig-Richter-Zeichnungen ein, erzählt plötzlich ein hintersinniges Märchen zu Scherenschnitt-Figuren, fängt eine herrliche Szene glücklichen Familienlebens in der Küche ein; der lockere Duktus verkraftet selbst die offenbar improvisierten Dialoge, die gar nicht erst eine realistische Illusion bemühen, sondern es bewußt beim steifen Hersagen von Verabredetem, Gelerntem belassen.

Ein Film über ein Gesicht. Wenn Alexandra Kluge im Bild ist, provoziert sie Zuneigung, Zustimmung und spontane Sympathie auch oder gerade, wenn sie alles falsch macht. Ein sehr offenes, schutzloses Gesicht, verletzlich und ganz preisgegeben und dann wieder entschlossen und sicher, mit Augen, die ratlos und ängstlich und gottergeben die Belehrungen ihres Mannes oder ihre Gelegenheitsarbeiten hinnehmen und doch eine unerschütterliche innere Ruhe ausstrahlen können. Sie ist nicht mehr so wurstig wie in „Abschied von gestern“ vor sieben Jahren, aber immer hat sie es eilig, und man weiß nie recht, ob das der wirren Betriebsamkeit der Roswitha Bronski gilt oder ob nicht Alexandra Kluge schnell aus dem Film in ihr Privatleben, zu ihren Kindern zurück will.