Der Filthuth-Prozeß oder: Professoren zwischen Forschung, Lehre und Rechnungshof

Von Heinz Maier-Leibnitz

Am 13. 11. 1973 wurde Professor Heinz Filthuth, Direktor des Instituts für Hochenergiephysik der Universität Heidelberg, nach neunzehnmonatiger Untersuchungshaft wegen Untreue, Betrug und Urkundenfälschung zu dreieinhalb Jahren Freiheitsstrafe verurteilt. Es ging um insgesamt dreieinhalb Millionen Mark, von deuten er 230 000 Mark privat verwendet haben soll. Zwei Millionen wurden sichergestellt, der Rest scheint für wissenschaftliche Zwecke verwendet worden zu sein, jedoch unter Mißachtung oder Umgehung zahlreicher Haushaltsvorschriften.

Filthuth ist ein anerkannter und erfolgreicher Kernphysiker. Nach einem mehrjährigen Aufenthalt an dem berühmten Beschleunigerlaboratorium CERN in Genf wurde er nach Heidelberg berufen und baute dort mit größter Energie und Umsicht unter starker Förderung des Bundes ein ganz modernes und leistungsfähiges Institut auf, das sich vor allem mit der Auswertung von Materialien und Ergebnissen aus Genf beschäftigte. Die ungeheure Arbeitskraft und das Organisationstalent, die ihn neben einer guten Kenntnis der Physik und Fähigkeit zur Durchführung schwieriger Experimente auszeichnen, kamen ihm in idealer Weise zustatten auf einem Gebiet, das eines ungewöhnlichen Aufwandes an Apparaten, und zusammenarbeitenden Personen bei der Durchführung und Auswertung der Experimente bedarf.

Geschäftstüchtige Kollegen

Wir Kollegen betrachteten den Erfolg des Instituts mit Bewunderung und vielleicht mit jenem kleinen Anflug von Unbehagen, das sich leicht einstellt, wenn ein junger Kollege „geschäftstüchtiger“ ist als man selber, das heißt: wenn er mehr Mittel bekommt und sie anscheinend erfolgreich anwendet. (Der wirklich große herausragende Erfolg zeigt sich meist nicht früh genug; man muß lange Zeit mit dem Zweifel darüber leben; die Qualität der Arbeit jedoch läßt sich schon früh beurteilen.) Wir bewunderten seine Fähigkeit, mit den Schwierigkeiten der Verwaltung fertig zu werden. Viele sagten, das könnten sie nicht, denn dann müßten sie ihre ganze Zeit für das Studium von Vorschriften und das Suchen nach Finanzierungsmöglichkeiten verwenden, und für die Wissenschaft bliebe keine übrig.

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Hier ist ein Punkt, den wir anschauen müssen. Das Verhältnis des Wissenschaftlers zur Verwaltung ist aus mehreren Gründen gestört.

Der erste ist ganz trivial und wird bei Mitgliedern anderer Berufe Kopfschütteln hervorrufen: Wir Wissenschaftler werden auf Lehrstühle berufen auf Grund eines Verfahrens, bei dem unser Beitrag zur Forschung, die Kenntnis des Fachgebiets und unsere Lehrbefähigung geprüft werden. Und dann bekommen wir (wenigstens in den naturwissenschaftlichen Fächern) die Verantwortung für einen Bereich, dessen finanzieller Umfang (einschließlich Personalmittel und Gemeinkosten) zum Beispiel eine Million Mark im Jahr ist. Nach einer Vorbildung für den Umgang mit diesen Mitteln wird nicht gefragt, und viele unserer jungen Professoren unterschreiben ihre erste Rechnung nach ihrer Ernennung. Das Argument, mit dem Hochschule und Verwaltung diesen Mißstand leugnen, lautet: Die Hochschule hat eine eigene Verwaltungsorganisation, die dem Professor die Arbeit abnimmt und ihn berät. Er braucht für Bestellungen und Abrechnung nur wenige Regeln zu lernen; die Verwaltung macht ihn auf Fehler aufmerksam und hilft ihm. Es kann nichts passieren, und bald ist der Professor fast ganz frei für Forschung und Lehre.

Leider ist dieses schöne Bild nicht richtig. Erstens ist die Aufgabe viel komplexer geworden, als sie es noch vor wenigen Jahren war. Allein die Vorschriften über Reisekosten oder Bezahlung von Gastforschern können uns das Gruseln lehren. Ich selber habe wohl fünf Jahre gebraucht, ehe ich hochmütig erklären konnte (auf Grund der Meisterleistung einer vollkommenen Sekretärin), daß wir die Verwaltung mit der linken Hand machen und daß es für alle Verwaltungsprobleme eine vernünftige Lösung gibt. Und dabei war ich Jahre vorher stellvertretender Leiter eines anderen Instituts.

Das zweite Hindernis ist, daß die Hochschulverwaltungen notorisch unterbesetzt sind. Ich weiß nicht, ob Zahlenvergleiche mit anderen Bereichen angestellt worden sind, und man müßte nicht nur die Zahlen, sondern auch die Effektivität der einzelnen und der Organisation berücksichtigen. Aber es ist sicher, daß ein Verwaltungsbeamter bei noch so großer Hingabe an seine Arbeit nicht genug Zeit haben kann, um allen Hochschullehrern die Hilfe zu geben, deren sie bedürfen.

Erfolglose Besserwisser

Und damit entsteht ein neues Problem: Für die meisten Fragen gibt es eine optimale, für alle annehmbare Lösung, aber sie kann nur gefunden werden, wenn der Professor und die Verwaltung sie in voller Kenntnis der Bedürfnisse und Möglichkeiten von den Gesichtspunkten beider aus suchen. Das ist mühsam, und im täglichen Betrieb werden deshalb schematische Vorschriften angewandt, die die Möglichkeiten einengen.

Die Folge ist entweder die Resignation der Professoren oder ein Kleinkrieg zwischen ihnen und der Verwaltung; oder es werden kleine Unregelmäßigkeiten begangen und manchmal geduldet. Oder schließlich – ein seltenes Beispiel: ein Professor oder jemand im Institut, etwa die vollkommene Sekretärin, lernt die Geheimnisse der Verwaltung, meist wohl indem sie das Vertrauen der Verwaltung und damit ihre Hilfe erwirbt. Dies, wie gesagt, geschieht selten; meist gibt es den Kleinkrieg. Wissenschaftler und Verwaltung betrachten sich als natürliche Feinde, und wenn schließlich der Rechnungshof kommt, werden die Differenzen lieblos ausgetragen, wobei natürlich die Wissenschaftler den kürzeren ziehen, was sie noch mehr verbittert.

Dazu kommt noch etwas. Den Professoren wird heute meist Schlechtes nachgesagt, aber es wird nicht bestritten, daß sie intelligent sind. Intelligenz ist aber eine gefährliche Sache. Bei Verwaltungsproblemen führt sie dazu, daß überall „vernünftige“ und „ganz einfache“ Lösungen gesehen werden – die nur leider den Nachteil haben, mit Verwaltungsvorschriften, die alle eine große Klasse verschiedener Probleme lösen müssen, nicht vereinbar zu sein. Damit wird der Wissenschaftler zum Verächter der Bürokratie, oder, von der anderen Seite gesehen, ein unerträglicher Besserwisser.

Dies wird nicht erleichtert dadurch, daß gerade die guten Wissenschaftler ein ausgemachtes Sendungsbewußtsein haben. Mit ungeheurer Arbeitskraft und oft unter Vernachlässigung elementarster menschlicher Beziehungen stürzen sie sich in die Welt der großen ungelösten Probleme. Der Mann, der zweiundvierzig Stunden in der Woche seine Pflicht tut, wirkt aufreizend auf sie, schon ehe er mit bürokratischem Eifer das heilige Feuer der Forschung bespritzt.

Ich glaube, damit sind wir bei den Wurzeln des Filthuth-Prozesses. Es muß einmal vorkommen, daß alle Faktoren, von denen wir oben gesprochen haben, sich vereinigen, um den Gegensatz zwischen dem Professor und der Verwaltung unerträglich zu machen, und einmal muß damit ein unstillbares Bedürfnis nach voller Entfaltung in der Forschung zusammenfallen. Ich glaube allerdings, daß das alles noch nicht genügt. Dazu muß eine Menschenverachtung kommen, vor der wir uns alle hüten sollten, und schließlich der Schritt, mit dem sich ein Mensch im bösen über seine Mitmenschen stellt. Dieser Schritt kommt spät und für die Umgebung fast unbemerkbar. Vorher ist der Verächter von Vorschriften einer gewissen Sympathie seiner Umgebung sicher, ja mindestens einer duldenden Mithilfe; das war in Heidelberg ganz deutlich. Aber wenn der Schritt einmal getan ist, gibt es kein Halten mehr. Die persönliche Bereicherung ist schließlich nur noch ein unwichtiges Detail.

Welche Folgerungen muß man ziehen? Es scheint, daß keine Hexenjagd auf Wissenschaftler geplant ist. Das ist gut; ein abschreckender Effekt wird von dem Prozeß ohnehin ausgehen. In einer Anzahl von Fällen wird man mit einfachen Verfahrensvorschriften eine Wiederholung verhindern; das ist auch gut.

Es bleibt aber die Notwendigkeit, im Rahmen der Suche nach neuen Strukturen an unseren Hochschulen dem Hochschullehrer seinen Kopf für Lehre und Forschung frei zu halten und ihn bei der Durchführung seiner Pläne mit Technik und Verwaltung effektiv zu unterstützen. Noch sind wir davon weit entfernt.