ZDF, Donnerstag, 27. Dezember: „Lieder mit anderen Worten“

Es gibt also Lieder mit Worten: Hoch auf dem gelben Wagen zum Beispiel, Eingeschlafen auf der Lauer, Penny Lane oder Heidschi Bumbeidschi. Dann gibt es noch Lieder mit anderen Worten: die macht Reinhard Mey, machen eben die „Liedermacher“, zum Beispiel die, die er in dieser seiner dritten Show vorstellte. Übertragen wurde aus der Hamburger „Fabrik“, die einmal eine richtige Fabrik war und jetzt eine Art Freizeitzentrum ist. Neben. Reinhard Mey, der vorneweg und hintendran selber eins sang, fünf Liedermacher und Liedermacherinnen: also eine Art tour d’horizon, eine Inventur jener sonderbaren Zwittergattung, die nicht hü und nicht hott ist, nicht E und nicht U und Kabarett auch nicht und dabei so populär wie das sein will, was sie partout nicht sein will, der Schlager.

Gemeinsam ist ihren Vertretern die Aversion gegen ihn: gegen den Schlager. Und soviel immerhin kann man ihnen auch nachsagen: Ganz so schlecht, wie das Industrieprodukt Schlager meist auftritt, sind die „Lieder“ ja wirklich nicht. Nicht jeden Liedermachers Charme ist ganz so gekonnt wie der von Reinhard Mey persönlich, aber sympathisch wirken sie alle in einem Maße, daß des Nicht-Sängers Höflichkeit eigentlich zu schweigen hätte. Es kommen Gefühle vor in den Liedern, die sind vielleicht etwas echter als die der Schlager; auch Gedanken machen sich die Autoren, manchmal wirken sie geradezu kritisch oder politisch. Und schon, wie sie mit ihren einfachen Instrumenten und unverfälschten Stimmen unerschrocken gegen den Klangaufwand des Schlagers ankämpfen, wie Udo Lindenberg durchaus passable deutsche Rockmusik-Texte schreibt, ihm nur leider die Musik dazu fehlt, nimmt für sie ein. Nur darf man nicht an Wolf Biermann denken oder an Franz-Josef Degenhardt, auch nicht an Leonard Cohen oder gar an Bob Dylan, wenn man alle diese Mustersänger und -sängerinnen ihre Kraut-Songs singen hört; darf es einem nicht einfallen, eine solche Parade an dem von solchen Namen bezeichneten Standard des zeitgenössischen Lieds zu messen.

Wenn da eine Kindergärtnerin mit klappernden Augenlidern von dem Mann singt, der ihr imponiert und mit dem sie um halb sieben tanzen geht (eine ungewöhnliche Zeit, sie erklärt sich aber ohne weiteres aus dem Zwang des Metrums), wenn sie hinterher erklärt, sie wisse ja, daß sie nichts verändern kann – läßt sich im Ernst etwas dagegen einwenden? Höchstens, daß das nun auch nicht gerade die „anderen Worte“ waren, wie einer ihrer Zuhörer richtig bemerkte; aber schließlich ist nicht jeder ein Herkules, der die Welt verändert, oder auch nur die Welt der Liedertexte.

In einer dermaßen braven und harmlosen Umgebung wuchs der Wiener André Heller zu geradezu genialischem Format an. Gut, sein Air der Überlegenheit, mit dem er zu verstehen gibt, daß er alles durchschaut und halbwegs verachtet, zum Beispiel Lieder-Shows im Fernsehen (etwa wenn er den Mund geschlossen hält, während das Playback mit seinem Lied läuft, und keinen Gesang simuliert, wie im Fernsehen sonst üblich), ist auch nur eine einstudierte und auf den Effekt bedachte Pose; aber immerhin, es beweist doch, der Mann hat etwas gemerkt. Darum ist Reinhard Mey ja auch viel beliebter; fast so beliebt wie Udo Jürgens. Dieter E. Zimmer