Von Günter Keil

Ob Mineralöl knapp bleibt, wie knapp es bleibt – das weiß zur Zeit noch niemand. Sicher ist nur, daß es erheblich teurer geworden ist und die Araber fest entschlossen sind, die Preise weiter zu erhöhen. Doch steigende Energiepreise müssen keineswegs die Kosten für Produktion und Heizung in die Höhe treiben – sofern Deutschlands „geheime Energiequellen“ voll ausgeschöpft werden, behauptet Dr.-Ing. Günter Keil aus dem Bonner Forschungsministerium.

Die Ölkrise hat die Phantasie beflügelt. Die Erfinder haben Hochkonjunktur. Wer statt Sonntagsfahrverbot und heruntergedrehter Heizung neue Technologien zur Energiegewinnung anpreist, findet aufmerksame Zuhörer. Sonnenkraftwerke, Gezeitenkraftwerke, Windmühlen, Erdwärme – ein technologisches Wunderland liegt angeblich zum Greifen nahe vor uns.

Die bittere Wahrheit ist leider: Für die Bundesrepublik besteht keine Chance, daß auch nur eine der genannten Energiequellen einen merklichen Beitrag zur Energieversorgung leistet. Und selbst wenn es gelingen sollte, bei dem einen oder anderen Projekt einen Durchbruch zu erzielen, dann würden trotzdem viele Jahre vergehen, bis nennenswerte Energielieferungen aus derartigen Anlagen fließen könnten.

Was bleibt uns also? Es bleibt zunächst die Kernenergie, deren Weiterentwicklung seit Jahren mit Hochdruck vorangetrieben wird. Aber auch im Jahre 1985 wird nach den jüngsten Schätzungen die Kernenergie erst einen Beitrag von fünfzehn Prozent zum Gesamt-Energieverbrauch liefern können. Für Mineralöl waren 54 Prozent eingeplant – eine heute kaum noch glaubhafte Zahl.

Die zentrale Frage lautet also: Was machen wir in den nächsten zehn bis fünfzehn Jahren? Es gibt nur eine Möglichkeit, unsere Abhängigkeit von Ölimporten drastisch zu verringern, ohne daß drastische Verbrauchsbeschränkungen notwendig sind. Die Zauberformel heißt „Erhöhung der Energienutzung“ oder auch „rationelle Energienutzung“ oder auch „rationelle Energieanwendung“. Dieser Themenkreis wird seit etwa zwei Jahren in Expertenkreisen diskutiert, denn zwei Drittel der in Form von Heizöl, Gas, Strom, Kohle oder Benzin eingesetzten Energiemenge gehen verloren – als ungenutzte Wärme, als Abfallenergie. Unser sogenannter „Energiebedarf“ ist demnach zu zwei Dritteln ein Bedarf an Energieverlusten. Diese Verluste beginnen mit den sogenannten Umwandlungsverlusten in den Kraftwerken, Raffinerien und Kokereien, in denen eine Aufbereitung und Veredelung der Primärenergie stattfindet. Beim Endverbrauch kommen nur noch etwa zwei Drittel der ursprünglichen Energiemenge an. Beim Verbraucher selbst sind die Verluste derartig hoch, daß nur noch rund 30 Prozent der importierten und gefördert ten Energie – Rohöl, Kohle, Erdgas – wirklich genutzt werden.