DIE ZEIT

Kissingers bittere Predigt

Zum Neujahrstag hat Henry Kissinger den Westeuropäern noch einmal die Leviten gelesen. Das von ihm selbst ausgerufene "Jahr Europas" habe ihn enttäuscht.

Die Ölkrise hat erst begonnen

Auf den ersten Blick sieht es so aus, als seien wir noch einmal davongekommen. Die große Ölkatastrophe findet nicht statt. Die jüngsten Preiserhöhungen der Förderländer bedeuten zwar eine Verdoppelung der bereits mehrfach erhöhten Preise, auch wurden sie ohne Verhandlungen mit den Abnehmern diktiert; aber die meisten Industriestaaten haben sie geradezu mit Erleichterung aufgenommen.

Wie Kohoutek?

Der Bürger, der zum Jahresende dem Kanzler und seinen Wesiren lauschte, muß sich ob der dunklen Zukunftsängste, die ihn plagen, wie ein Defätist vorkommen.

Licht im Tunnel?

Lang ehe für Vietnam eine Friedensregelung gefunden worden war, frohlockte Henry Kissinger, einer ihrer Geburtshelfer: Er sehe bereits das Licht am Ende des Tunnels.

Im Halbdunkel

Genau ein Jahr ist es her: Europafanfaren, Karajan auf dem Dirigentenpult, Heath in der Loge, gefeiert als der Staatsmann, der die Briten ins gelobte Land führt.

Zeitspiegel

Die oft wartesaalähnlichen Kantinen der Bundeswehr sollen anziehender und gemütlicher werden, indem sie einen "Western-Saloon-Effekt" erhalten.

Worte der Woche

"Wir haben noch keine Regierung seit dem Zweiten Weltkrieg gehabt, in der der Unterschied zwischen Theorie und Praxis, zwischen Optik und Wirklichkeit, zwischen Fassade und Inhalt so erschütternd war.

Sieben Zukünfte, in Blei gegossen

Die Vereinigten Staaten, die Sowjetunion und China sind noch immer die einzigen Weltmächte von Belang. Jede versucht, die beiden anderen an einem Bündnis gegen den dritten zu hindern.

Prall in weichen Daunen

Die Dreikönigstreffen der Liberalen in ihrem südwestdeutschen Stammland sind immer mehr gewesen als nur regionale Parteitage.

Deutsch-deutsche Beziehungen: Unfrohe Botschaft

In der Weihnachtszeit kam wieder einmal unfrohe Botschaft aus dem geteilten Land. Ohnehin hatte die Verdoppelung des Zwangsumtauschbetrags auch an den Feiertagen den Besucherstrom in die DDR gedrosselt.

Wirtschaftskrise in Italien: Die Stunde der Bußprediger

Den "sonnigen Süden" fröstelt es: kalte Öfen, die hier nie sehr warm waren; stehende Autos, die auch vorher schon im Großstadtchaos kaum mehr vorwärts kamen; hamsternde Hausfrauen, denen die vielzitierte Überflußgesellschaft ohnehin wenig mehr als das Nötigste gab; ein Regierungschef, der "Opfer" fordert, und ein Papst, der nur noch eine Pferdestärke vor eine Kutsche spannen läßt, wenn er ausfährt – so kündigte der Advent, den man einst auch als Fastenzeit verstand, für Italien eine wenig schöne Bescherung an.

Nordrhein-Westfalen: Pleite mit politischen Folgen

Unter der Überschrift "Heinrich Köppler in Gefahr" nahm "F.D.P. aktuell" – der Pressedienst der nordrhein-westfälischen Liberalen – die Strategie des Düsseldorfer Oppositionsführers unter die Lupe und riet ihm kurz vor dem Jahreswechsel, sich ernsthaft Gedanken um seine politische Zukunft zu machen.

Pflegeheim in Kiel: Vorwürfe gegen Mutter Obi

Einige bescheinigen der Frau Oberin, ein stets offenes Ohr für ihre Probleme zu haben, andere beschuldigen die Leiterin eines Kieler Heimes für Milieugeschädigte, mit eiserner Faust ihre spezielle Auffassung von Pädagogik durchzusetzen.

Urteilsbegründung: Schinderhannes’ Schicksal

Der Fall: Der 18jährige A. B. aus C. stahl zusammen mit seinem Bruder ein Auto. Zweimal rissen sie Zigarettenautomaten von der Wand, brachen sie später auf und entnahmen einen Teil der Zigaretten und das Geld.

Bewerbung: Sich richtig verkaufen...

Zu den zuverlässigsten Stimmungsbarometern der Arbeitsmarktlage gehört der Stellenteil überregionaler Zeitungen. Von September bis November dieses Jahres, also innerhalb weniger Wochen, ist der briefkastenfeindliche Umfang der samstäglichen Stellenanzeigen von oft über hundert Seiten auf ein knappes Drittel zusammengeschmolzen.

Nordirland: Konsul entführt

Thomas Niedermeyer, Grundig-Direktor und Wahlkonsul der Bundesrepublik in Nordirland, ist in der Nacht zum Freitag voriger Woche entführt worden.

Von Europa enttäuscht

Mit kritischen Worten hat der amerikanische Außenminister Henry Kissinger auf einer Pressekonferenz zum Jahresschluß Europa bedacht.

Arias wird spanischer Regierungschef

Zur Überraschung aller spanischen Journalisten und Politiker hat Staatschef Franco den bisherigen Innenminister Carlos Arias Navarro zum neuen Ministerpräsidenten ernannt.

Peron legt Drei-Jahres-Plan vor

Kurz vor Ende des alten Jahres hat der argentinische Präsident Juan Peron einen ambitiösen Dreijahresplan vorgelegt, der freilich für die vier Jahre 1974 bis1977 gilt und Spötter bereits zu dem geflügelten Wort veranlaßt hat, ein Viertel müsse man also gleich von den Voraussagen abziehen.

1974 - Jahr der Bewährung

Als ein "Jahr der Bewährung, dem wir jedoch mit Zuversicht entgegensehen", hat Bundeskanzler Willy Brandt in seiner Neujahrsansprache das neue Jahr bezeichnet.

Rückschlag für Regierungs-Koalition

Mißerfolg in Jerusalem – Erfolg in Genf: so lassen sich die Nahost-Meldungen vom Wochenbeginn zusammenfassen. Während die erste Gesprächsrunde der ägyptischen und israelischen Militärexperten in Genf, nach einem UN-Kommuniqué, erfolgreich beendet wurde, gaben über zwei Millionen wahlberechtigte Israeli ihre Stimme für die achte Knesset ab, das Jerusalemer Parlament.

Mehr Öl, aber zu höheren Preisen

Auf der Teheraner Konferenz der Organisation erdölproduzierender Länder (OPEC) beschlossen die sechs Golfstaaten – Iran, Abu Dhabi, Irak, Kuweit, Quatar und Saudi-Arabien – am 23.

England: Halbe Arbeit

Das Energiesparprogramm der Regierung Heath hat am Montag für etwa 15 Millionen Briten die Drei-Tage-Arbeitswoche gebracht. Wegen Energiemangels arbeiten Industriebetriebe nach festen Plänen nur noch in der ersten oder zweiten Wochenhälfte.

Schwere Kämpfe in Vietnam

Auf den Kriegsschauplätzen in Südvietnam und Kambodscha bat die Zahl der Gefechte seit den Weihnachtsfeiertagen zugenommen. Schwerpunkt der Kämpfe waren das Mekong-Delta und das Gebiet an der kambodschanischen Grenze sowie die Umgebung der kambodschanischen Haupstadt Pnom Penh.

Solshenizyn riskiert mehr denn je: Welt der Sekis

In einem Interview störte der russische Nobelpreisträger Alexander Solshenizyn die westliche Öffentlichkeit Ende August mit der Nachricht auf, sein Leben werde bedroht, aber was immer ihm zustieße, seine wichtigsten Werke, die er bisher zurückgehalten habe, seien in Sicherheit und würden erscheinen.

Zeitmosaik

Eine ausdauernde Wühlarbeit hat Erfolg gehabt: Das neue Filmförderungsgesetz, im Bundestag von der SPD/FDP-Mehrheit angenommen, ist im Bundesrat erst einmal von Christdemokraten und Christlich Sozialen blockiert worden.

Film: "Die drei Musketiere": Auf dem Luxus-Strich

Da wollten also drei Leute drei verschiedene Filme machen. Richard Lester, der Regisseur, mag sich gedacht haben, daß er mit Athos, Porthos, Aramis und D’Artagnan etwas ähnlich hintersinnig Lustiges anstellen könne wie einst mit John, Paul, George und Ringo in "A Hard Day’s Night" und "Help!".

Die neue Schallplatte: Maßgeschneiderter Rock für Intellektuelle

Im vergangenen Jahr stürzten die Denkmäler von mehr Pop-Idolen denn je zuvor. Nahezu alle einst renommierten Gruppen und Sänger, von Bob Dylan und David Bowie bis zu den Grateful Dead, Led Zeppelin und Neil Young, veröffentlichten die schlechtesten Platten ihrer Karriere.

Filmtips

"Papermoon" von Peter Bogdanovich. "Gelegenheitsarbeit einer Sklavin" von Alexander Kluge (siehe Seite 24). "Die Abenteuer des Rabbi Jacob" von Gérard Oury.

Die Original-Nichtgenies: Dada in New York

So etwas wie New York Dada habe es nicht gegeben, erklärte Man Ray, weil "die Idee des Skandals und der Provokation als eines der Prinzipien von Dada dem amerikanischen Geist völlig fremd" gewesen sei.

Unser Seller-Teller

Hunderttausende sehen in diesen Wochen den Film "Papillon"; viele von ihnen werden den Bestseller von 1970 nicht kennen, den der Film paraphrasiert; und mancher wird sich fragen, wie ein Buch zu einem derartigen Welterfolg werden konnte, wenn es die Vorlage zu einem trotz noch soviel Action und noch soviel Brutalität so faden Film abgeben konnte.

Sowjetdeutsche Lyrik: Neuland

Der Wolgadeutsche Eduard Hubert (1814 bis 1847) schuf die erste Übersetzung von Goethes "Faust I" ins Russische. Von Puschkin gefördert, der die Übersetzung noch durchsah, erschien sie 1837, kurz nach des Dichters Tod, in der von Puschkin mitbegründeten Zeitschrift "Sovremennik".

Sympathie für politische Häftlinge: Der Dichter als Richter

Die letzten drei Lebensjahre (1819 bis 1822) des im Alter von 46 Jahren verstorbenen E. T. A. Hoffmann waren schwer belastet durch die Tätigkeit des Dichters als Mitglied der "Immediat–Untersuchungs-Kommission" beim Kammergericht Berlin.

Geschichte der deutschen Literatur seit 1871: Runde Sache

Eines vorweg: Man hört allerorten, große Panorama-Überblicke über die Geschichte seien zur Zeit nicht möglich – und wenn sie die Stirn haben, trotzdem zu erscheinen, dann seien sie danach, eben "unmöglich".

Kritik in Kürze

"Thesen zu einer Gemeindepsychiatrie", von Jacques Hochmann. Eine "kopernikanische Revolution der Medizin" sieht der Vorwortautor G.

US-Außenpolitik: Ein Traum von Amerika

Ein namhafter amerikanischer Senator verteidigte vor nicht allzu langer Zeit das griechische Militärregime, ja nannte es sogar "demokratisch", "weil sich diese Herren dem Kommunismus widersetzen".

Der BDI und die Gartenlaube

Der arme Schleyer von Mercedes-Benz. So herzerweichend, so lyrisch-bewegend hat er das Los der treuesten und wenn auch nicht ärmsten, so doch verachtetsten Söhne in unserem Lande besungen: das Elendsgeschick der als "Negativ-Figuren" öffentlichem Zorn preisgegebenen Fabrikbesitzer zwischen Konstanz und Kiel – und kaum ist seine Klage verhallt, die Ballade von den Waisenkindern der Nation, da wird schon wieder der Prügel geschwungen.

Der Striptease eines Denkfehlers

Die Psychologin kam dann kaum noch zu Wort, obwohl sie ein scheinbar ergiebiges Spezialgebiet ankündigen konnte: "Der Sex alter Leute interessiert mich hauptsächlich.

Rosa Socken

Eigentlich hatten sie sich schon vor einem Jahr, zu Silvester 1972, über den "Abfall Bayerns" mokieren wollen, aber damals fand Helmut Oeller, Fernsehdirektor des an diesem Abend für das Unterhaltungsprogramm verantwortlichen Bayerischen Rundfunks, die Qualität "mangelhaft".

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