"Thesen zu einer Gemeindepsychiatrie", von Jacques Hochmann. Eine "kopernikanische Revolution der Medizin" sieht der Vorwortautor G. Daumezon in Hochmanns Ansatz, der die individuelle Psychopathologie für uninteressant erklärt und sie in einer "Soziopathie" aufgehen und verschwinden läßt, die als Pathologie zwischenmenschlicher Beziehungsstrukturen aufzufassen und zu behandeln ist. "Gemeindepsychiatrie" (ein dem Amerikanischen entlehnter, inzwischen international in der psychiatrischen Reform diskussion eingebürgerter Terminus) meint beiHochmann nicht nur ein "gemeindenahes" Versorgungsmodell mit kleinen offenen und halboffenen Einrichtungen (wie es, in verwässerter Form, auch dem Zwischenbericht der Expertenkommission des Bundesgesundheitsministeriums zugrunde liegt), sondern heißt auch, daß statt des kränken (oder als krank geltenden) Individuums ein ganzes Interaktionsfeld Objekt der Therapie ist, im Idealfall auch selbst therapeutische Kräfte freisetzen soll. Daumezon wiederum war einer der Pioniere einer französischen Refo-mbewegung, die Hochmann als eine der Intention nach permanente, faktisch aber schon verratene Revolution bezeichnet: der "psychotherapie institutionelle", die den Widerspruch therapeutischer Bemühung im antitherapeutischen Milieu der Anstalt durch gründliche Verbalisierung dieses Widerspruches aufzulösen suchte. Dies sei erwähnt, weil an Hochmanns (stark vom Strukturalismus beeinflußter) Arbeit unter anderem deutlich wird, wie wenig von zwei Jahrzehnten französischer Psychiatriereform bisher über den Rhein gedrungen ist, und weil Hochmann natürlich kein Kopernikus der Psychiatrie ist, sondern nur ein breites Spektrum revolutionärer Versuche um eine hochinteressante Variante bereichert, die sich von Basaglia und den englischen Antipsychiatern durch eine realistischere. Einschätzung des gesellschaftlich derzeit Möglichen abhebt. So wichtig und diskussionswürdig Hochmanns Theorien zur Soziopathie menschlicher Beziehungen auch sind (seine Kritik an der psychiatrischen Krankheitslehre und am psychiatrischen Krankenhaus als "totaler Institution" bringt dagegen wenig Neues) – noch wertvoller wäre eine genauere Darstellung seiner praktischen Erfahrungen gewesen. Zum besseren Verständnis hätten Herausgeber oder Übersetzer sich zu einem kommentierenden Nachwort über die Situation der Psychiatrie und den Stand der Reformdiskussion in Frankreich bequemen sollen. (Aus dem Französischen von Mechthild Bokelmann; es 618, Suhrkamp Verlag, Frankfurt, 1973; 298 S., 8,– DM.)

Hans Krieger

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"Das Diamantensyndikat", Roman von Gerald A. Browne. Das "Syndikat ist ein Kartell im übelsten Sinn". Konkurrenzlos kontrolliert es das globale Diamantengeschäft. Im Reservetresor lagern zweiundzwanzig Millionen Karat. Milliardär Massey will die Steine haben; Chesser, gedemütigte Charge in der Händler-Hierarchie des Kartells, soll sie stehlen. Lohn der Angst: fünfzehn Millionen Dollars. Hinter dem vorgegebenen Rachemotiv des rüstigen Greises, sinniert Chesser, muß sich eine Absicht verbergen: Der schlagartige Absatz der Karat-Halde auf dem Weltmarkt würde Statuswert dieser wahnsinnig überschätzten Spießeridole" und Diamantenwährung ruinieren. Leider ist das nicht die Ausgangsposition des Romans. So verschenkt Browne die Chance, eine spekulative wirtschaftspolitische Story oder eine böse Society-Satire zu konzipieren. Entsprechende Markierungen wie die Passagen über geheime sowjetische "Kommissionsware" in der westlichen Diamantenzentrale oder der Publicity-Bluff mit dem Siebzig-Karat-Geschenk des Superstargatten an die Superstargattin belegen die ungenutzten Möglichkeiten des Autors. überzogene Spannungseffekte, widersinnige Konstellationen, alberne Typisierungen (Chessers jungverwitwete Freundin: süß, sinnlich, sportlich, geistvoll, millionenschwer) summieren sich zur totalen Kolportage. Die intelligenten Pointen und raren Realitätsbezüge bleiben auf der (Marathon-)Strecke einer ständig zwischen sex and crime, Idylle und Gewalt, Highlife und Nervenkitzel schwankenden Handlung, die dann auch noch zum Schicksalsmelodram mutiert. (Aus dem Amerikanischen von Franz Paul; Verlag Fritz Molden, Wien-München-Zürich, 1973; 368 S., 26 DM.

Egbert Hoehl

"Romane für die Unterschicht", von Peter Nusser. Die Trivialliteratur handelt von Scheinwelten. Der Arbeitsalltag in Großbetrieben der Stahlindustrie kommt darin sowenig vor wie realistische Schilderungen des sozialen Millieus, aus dem sich die Heftchenleser rekrutieren. Die also wirklichkeitsflüchtige Groschenliteratur steht, weil sie vorhandene Mißstände unangetastet läßt, im Dienst des Bestehenden, und sie hindert die Konsumenten, die Leser aus der Unterschicht, daran, die eigene soziale Lage zu erkennen. Diese Argumentation gegen die Trivialliteratur und ihre Manipulationstechnik, aus vielen Arbeiten mittlerweise bis zum Überdruß bekannt, wiederholt Peter Nusser in seinem Buch noch einmal, genauer gesagt, er bringt sie mit einigen Zitaten aus der Sozialisationstheorie und der Soziolinguistik auf den "neuesten" Stand. Bemerkenswert daran ist, daß die Kitschkritik, die noch vor einigen Jahren mit geschmäcklerischem. und moralischem Überlegenheitsgefühl vorgetragen wurde, ihre Klassenvorurteile nun hinter der Gebärde akademischer "Objektivität" verbirgt. So wird denn Trivialliteratur als ästhetische Erscheinung gar nicht ernst genommen – ästhetisch relevant ist nur die hohe Literatur –, sondern reduziert auf ein Fundstellenverzeichnis für sozialpsychologische Annahmen. Unbeantwortet bleibt freilich auch bei Nusser die Frage, warum die "unrealistischen" Heftchenromane politisch gefährlich sind, die häufig ja auch die Wirklichkeit übersteigenden Werke der hohen Literatur jedoch emanzipatorischen Charakter haben, wie Nusser bemerkt. (Texte Metzler 27, J. B. Metzlersche Verlagsbuchhandlung, Stuttgart, 1973; 115 S., 8,– DM.)

Christian Schultz-Gerstein