Kiel

Einige bescheinigen der Frau Oberin, ein stets offenes Ohr für ihre Probleme zu haben, andere beschuldigen die Leiterin eines Kieler Heimes für Milieugeschädigte, mit eiserner Faust ihre spezielle Auffassung von Pädagogik durchzusetzen. Das Lebenswerk der 73jährigen Oberin Anneliese Pinn droht zusammenzubrechen – und das nur, weil einige Mißstände aus dem Haus Waldhof der Marie-Christian-Heime e. V. nach draußen drangen.

Plötzlich ist das vermeintliche Idyll vom fröhlichen Haus gestört. Kiels Jungsozialisten taten einen Blick hinter die Kulissen und entdeckten außer den im Waldhof untergebrachten gefährdeten Jugendlichen, nervlich Geschädigten, Süchtigen, alleinstehenden Müttern und einsamen Älteren Kritikwürdiges: pädagogischen Dilettantismus, räumliche Enge, Briefkontrolle.

Landesregierung und das zuständige Landesjugendamt wurden zu Hilfsmaßnahmen aufgefordert. Dieter Glahn, ehemaliger stellvertretender Heimleiter, weiß Genaueres: Im Haupthaus sind fünf ältere Personen auf 13,05 Quadratmetern untergebracht. Die Betten stehen auch noch in diesem Zimmer, so daß die alten Leute sich kaum bewegen können. In einem sogenannten Schulkinderkeller, der feucht und muffig ist, wurden zuletzt eine Mutter und ihre fünf Kinder untergebracht. Der Raum, durch den das Hauptabflußrohr verläuft, ist notdürftig mit Matratzen ausgelegt.

Oberin Pinn bestätigt diese Vorwürfe, schwächte sie aber mit dem Hinweis ab, die Heiminsassen sollten zunächst einmal froh sein, überhaupt ein Dach über dem Kopf zu haben. „Viele werden aus den Landeskrankenhäusern wieder zu uns zurückgeschickt, wenn sie erneut Anfälle bekommen. Sie betteln dann förmlich: „Obi, nimmst du uns wieder auf?“, und sie nimmt sie stets wieder auf: Hilfsbereitschaft und Entgegenkommen kann und will ihr niemand absprechen. Doch Grundsätze und Erkenntnisse moderner Pädagogik und Psychologie scheinen an ihr spurlos vorbeigegangen zu sein.

Eine siebzehnjährige Heimbewohnerin belastet die Domina schwer: „Frau Oberin hatte etwas dagegen, daß wir uns nach ihrer Meinung zu laut unterhielten. Da bin ich den Flur entlang und hab’ mich am Ende weiter unterhalten. Und plötzlich kommt Frau Oberin um die Ecke, packt mich, gibt mir ein paar Ohrfeigen und haut meinen Kopf an die Türkante.“ Ein anderes Mädchen hat das alles gesehen. Anneliese Pinn hält diese Schilderung für übertrieben: „An den Haaren habe ich sie gar nicht gezogen. Gerüttelt habe ich sie und ihr ein paar an die Ohren gegeben, damit ihre Erstarrtheit von ihr ginge, damit ich zu einem Gespräch mit ihr kam.“

Frau Oberin verschaffte sich noch auf andere Weise eine Kommunikationsbasis. Sie öffnete die Post. Das beteuert eine andere Heimbewohnerin, die zufällig ein an sie gerichtetes Schreiben einen Tag, bevor es ihr ausgehändigt wurde, im Büro der Oberin geöffnet vorgefunden hatte. Die Oberin leugnet die Postkontrolle. Der Vorsitzende des Vereins der Marie-Christian-Heime, der Kieler Universitätsprofessor Hermann Wegener, indes bestätigt die Briefzensur; allerdings, so Wegener, sei sie notwendig, um die Betroffenen vor Schaden zu bewahren.

Andere meinen, Schaden ließe sich am besten durch eine Lösung des Personalproblems abwen- – den. Eine ehemalige Angestellte berichtet, daß in diesem Haus Milieugeschädigte von ihresgleichen betreut werden. Hilfsweise werden Insassen aus den anderen Häusern eingesetzt, Menschen, die selbst geistig oder seelisch behindert sind. Die jetzigen Mitarbeiter des Heimes beteuerten dagegen, die therapeutischen Methoden würden nach Richtlinien moderner Sozialarbeit ausgeführt werden. „Von einem strengen Regiment und einer ‚eisernen Faust‘ haben wir nie etwas gesehen.“

Mittlerweile ist der Fall Waldhof zu einer parlamentarischen Angelegenheit geworden. Zwei sozialdemokratische Abgeordnete stehen eine kleine Anfrage an die Landesregierung. Die vielsagende Antwort lautete: Der Sozialminister hält die vorhandenen Heimplätze für ausreichend, in dem Haupthaus seien die Heimbewohner jedoch tatsächlich unter stark beengten räumlichen Verhältnissen untergebracht. Die pädagogische Eignung der Oberin wird nicht angezweifelt, da sie eine vielseitige Ausbildung in der Sozialarbeit hinter sich habe. Rainer Burchardt