Ein Gespenst geht um in der Bildungspolitik der Bundesrepublik: Resignation ... Der Elan der Reformer scheint weitgehend gebrochen zu sein. Sie igeln sich in den universitären Instituten ein, flüchten in die Esoterik der Fachzeitschriften ... Wer das progressive Schrifttum, das von vielen Verlagen mit modischem Appeal auf den Markt geworfen wird, als Symptom für das Niveau der Unterrichtspraxis nimmt, dürfte sich ... gründlich irren. Nicht die pädagogische Progression, die Besoldungsprogression aktiviert die Lehrerschaft.

Hermann Glaser, Schriftsteller und Kulturdezernent der Stadt Nürnberg, in der "Frankfurter Rundschau"

Bodensee in Frankreich

Als "Kammermusik", als "Planeten", "Jazz", als "eine Art von Harmonie im Wirrwarr rühmen die fünf Stars Jeanne Moreau, Delphine Seyrig, Samy Frey, Michel Lonsdale, Gérard Depardieu Peter Handkes "Cbevauchée sur le lac de Constance", den "Ritt über den Bodensee", der am 9. Januar im Pariser Theater "L’Espace Cardin" seine französische Erstaufführung erlebte. Claude Régy, der Nuancen-Regisseur, der in Paris Pinter, Storey und Bond zu Erfolgen verhelfen hat, inszeniert in Ezio Frigerios Bühnenbild das Kammerspiel eines Dramatikers, der für ihn "im wahrsten Sinn ein zugleich politischer und dichterischer Mensch" ist; das Stück empfindet er als "vollkommenste Form des Anti-Theaters, in dem Gesten wie Sprache behandelt werden". Auch Jeanne Moreau, die hier in der Rolle des Stars Jeanne Moreau nach mehr als einem Jahrzehnt beim Film auf die Bühne zurückkehrt, aber warnt "Achtung! Ich bin nicht der Star!", zeigte sich in Interviews sehr beeindruckt von dem Stück: "Dieses Stück ist von höchster Vollendung. Es hat, auf schmerzhafte Weise, etwas zugleich Klassisches und Romantisches, etwas von Musik und vom Film, von irrer Kälte und barockem Fest."

Köpfe müssen fallen

Der griechische Komponist und Sozialist Mikis Theodorakis, nach dem Militärputsch von 1967 ins Pariser Exil gegangen, im vorigen Herbst entschlossen, wieder nach Athen zurückzukehren und sich dort auffälliger politischer Tätigkeit zu enthalten, hat seine Absichten total geändert. In einem Interview des Wiener Nachrichtenmagazins "Profil" erklärte er: "Ich weiß, daß das Volk jetzt bereit ist, dieselben Mittel anzuwenden wie die Diktatur: zu töten. Für uns gibt es jetzt nur noch: Leben oder Tod... Die Taten, die auf dem Niveau der Ereignisse wären, wären die Ausrottung der Mörder... Wenn einmal der erste Kopf gefallen ist, wird eine Reihe von Köpfen fallen." Wären die Studentenunruhen vom November ein halbes Jahr später ausgebrochen, so Theodorakis, hätte das Volk mitgemacht und das Regime hinweggefegt.

David Siqueiros