Hermann Nitsch, Erfinder und Oberpriester des O. M. (Orgien Mysterien) Theaters, konnte endlich auch in München einmal sein Theaterschlachtfest feiern – in der Stadt, die ihn schon mehrfach mit bürokratischen Schikanen an seinem blutig-sinnlichen Geschäft gehindert hatte. Am Montag abend, in Uta Emmers Modernem Theater, war es endlich soweit: Als geschlossene Veranstaltung getarnt, so (scheinbar) dem Zugriff der Polizei entzogen, tobten ab halb neun die Mysterien. Auf weiße Leintücher wurden Gebetbücher gelegt, dann wurden Eier zerschlagen, Heringe aufgeschnitten und manuell verstümmelt, tierisches Eingeweide (Nieren, Därme und Mägen) ergroß sich aufs Linnen. Es wurde „gemanscht und gepanscht“ (Uta Emmer), und so bekamen die geladenen Gäste einen vagen Eindruck davon, wie sinnenfroh es dereinst auf Schloß Prinzendorf an der Zaya (Niederösterreich) zugehen wird, das Nitsch zur Kultstätte für seine Mysterien bestimmt hat. Einziger Schönheitsfehler: am Ende, nach drei Stunden, kam doch noch die Polizei und stellte die Sicherungen im Theater ab. Grund für das Eingreifen der Obrigkeit waren freilich nicht die orgiastischen Riten, sondern der orgiastische Krach, den ein von Nitsch bestelltes Lärmorchester mit Rasseln, Trillerpfeifen und Trompeten veranstaltete – Lärm, der mehrere Straßenzüge weit zu hören war. Auf den Abbruch der Orgie folgte das profane Nachspiel: Zweieinhalb Stunden lang mußten Uta Emmer und Helfer ihr Theater putzen.

Einstein als Bariton

Weder die Physik im allgemeinen, noch die Relativitätstheorie im besonderen, noch die Biographie ihres Denkers wird besungen werden. Thema der Oper „Einstein“ von Paul Dessau, die am 16. Februar in der Staatsoper Unter den Linden in Ostberlin uraufgeführt wird, ist „die Verantwortung des Wissenschaftlers für die Folgen seiner Arbeit und seine Entscheidung darüber, in welchen Dienst er seine Entdeckung stellt“. So drückte es Ruth Berghaus, die Dessaus neuestes Bühnenwerk inszeniert, in einem Interview mit dem „Neuen Deutschland“ aus. Dargestellt wird das Thema an der Freundschaft Einsteins zu zwei Physikern, deren einer sich „als der gewissenlose Mitläufer“ offenbart, deren anderer hingegen „für seine aufrechte humanistische Gesinnung“ kämpft und am Ende Kommunist wird. Indessen geht es ausdrücklich auch spaßig zu, deutlich gemacht durch die „Verbindung von Dichtung und Alltagssprache“ und durch einen doppelten dramaturgischen Boden: Die drei Akte der Oper sind umgeben von einem Prolog, zwei Intermezzi und einem Epilog, „gestaltet von Figuren der traditionellen Hanswurstiade“. Die Oper soll auch nicht der „Selbstverständigung für Intellektuelle“ dienen; es gehe vielmehr, sagt Frau Berghaus, „um die Lebensbelange des Volkes“. Theo Adam, der die Titelfigur singen wird, zählt die Rolle „zu den interessantesten Aufgaben“, die ihm sein Beruf bisher gestellt habe.