David S. Landes: „Der entfesselte Prometheus. Technologischer Wandel und industrielle Entwicklung in Westeuropa von 1750 bis zur Gegenwart“; Kiepenheuer & Witsch, Köln 1973; 597 S., 68,– DM

Dies ist ein geschickt und oft schön gewebter Teppich aus Fäden wie Unternehmergeschichte, Harvards lebhaftem Neokeynesianismus, aufschlußreichen Einsichten in Unternehmermentalität und Unternehmermethoden, optimistischem Liberalismus in der amerikanischen Tradition der offenen Grenze und der glücklichen Isolation vom Elend der Welt.

Das Bild, das sich aus Professor Landes’ gründlicher Untersuchung über technischen Fortschritt und Wirtschaftswachstum von 1750 bis heute ergibt, ist – natürlich – von der eignen Bindung des Spezialisten an sein Fachgebiet bestimmt. In diesem Falle hat sich der Verfasser verliebt, verliebt in den Geist des Fortschritts, der mit den letzten zwei Jahrhunderten verbunden ist, insbesondere mit jenen Klassen und sozialen Bereichen, die hauptsächlich Nutznießer dessen sind, was nach Professor Landes Auffassung durchaus eine selbstzerstörerische Hybris sein könnte. Soll und Haben der Industrialisierung erkennend, hofft er, mit angemessener Vorsicht, daß die Menschheit es diesmal schaffen könnte.

Der entfesselte Prometheus entstand aus einem Beitrag in der Cambridge Economic History von 1965. Für die neue Ausgabe wurde der Text revidiert und an die Gegenwart herangeführt.

Professor Landes zitiert Max Weber und lehnt vereinfachende marxistische Dogmen einer antagonistischen Gesellschaft zwischen den Antipoden Kapital und Proletariat ab: „Insgesamt schuf die industrielle Revolution eine Gesellschaft größeren Reichtums und stärkerer Komplexität. Sie brachte keine Polarisierung in eine bürgerliche Minderheit und ein fast allumfassendes Proletariat zuwege, sondern erzeugte eine heterogene Bourgeoisie, deren mannigfaltige Abstufungen bezüglich der Einkommensverhältnisse, der Herkunft, der Erziehung und des Lebensstils durch einen gemeinsamen Widerstand gegen ihre Einbeziehung in die Arbeiterklasse und einen unstillbaren gesellschaftlichen Ehrgeiz aufgehoben wurden.“ Und: „... kein Zeitalter hat so viele Möglichkeiten des sozialen Aufstiegs geschaffen wie die industrielle Revolution. Nicht alle haben diese genutzt.“

Warum nicht? David Landes untersucht die Konzentration industrieller, finanzieller und politischer Macht; Klassenkampf und Umsturz; den Aufstieg des Faschismus und das Erbe eines brutalen und gierigen Imperialismus. Er neigt eher dazu, die Weltgeschichte (und damit auch die Wirtschaftsgeschichte) als Funktion großangelegter Machtbewegungen zu sehen denn als Ergebnis einer vorbestimmten Harmonie – sei diese liberal oder marxistisch. „Der Geist der Rationalität fand seine Ergänzung in der sogenannten faustischen Ethik, dem Verlangen, Natur und Dinge zu beherrschen.“ Beherrschen bedeutete Konkurrenz, und in der gnadenlosen Konkurrenz um wirtschaftliche und ökonomische Macht mußten kleine Einheiten den großen Platz machen.

Aber: „Die Unternehmenskonzentration in bestimmten Wirtschaftsbereichen vermochte nicht, die kleinen Firmen zu verdrängen. Eben die Kräfte, die die riesigen Industriewerke und Handelsgesellschaften hervorbrachten, eröffneten neue Möglichkeiten für kleine Unternehmen in Form von Dienstleistungsbetrieben, Verteilungsstellen, Unterkontrahenten usw.“ Professor Landes leugnet jedoch nicht, daß die Großen im allgemeinen den Sieg davontrugen und so „den Predigern der Unzufriedenheit und der Reaktion“ soziale und politische Möglichkeiten eröffneten.