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Hartmut Lange, der starke Sätze liebt und schwache Stücke schreibt, hatte damals, zum "Prinz von Homburg", ein großes Wort gewagt: "Ich sah nie solch einen unpolitischen, rührseligen Abend wie in der Schaubühne." Heute endlich weiß man in Westberlin, wie sich Hartmut Lange politisches Theater vorstellt. "Die Ermordung des Aias oder Ein Diskurs über das Holzhacken" hatte am letzten Donnerstag Premiere. Ich sah selten solch einen unpolitischen, redseligen Abend wie im Schiller-Theater.

Wieder einmal war Hartmut Lange rechtzeitig vor der Premiere ins Exil gegangen – hatte sich lauthals von der Uraufführung distanziert und sich so um den verdienten Dichterlohn, um das Erlebnis, ausgebuht zu werden, gebracht. Bisher hatte sich Lange damit begnügt, die Erst-Regisseure seiner Stücke mit Worten zu schmähen; diesmal schritt er zur Tat, ging vors Gericht und beantragte eine Einstweilige Verfügung gegen Hans Lietzaus Inszenierung. Der Antrag: fiel durch – die Premiere fand statt – die Premiere fiel durch. Am Montag, bei einem neuen Gerichtstermin, zog Hartmut Lange seine Klage gegen das Theater kleinlaut zurück.

Protestiert hatte der Dichter gegen eine Aufführung, der es nicht gelungen war (und nicht gelingen konnte), ein totgeborenes Stück zum Leben zu erwecken. Hartmut Lange wirft Revolutionären gern vor, daß sie ihren Beruf verfehlen, weil sie redend die Revolution versäumen, Moral schon für Politik halten. Im "Aias" verfehlt der Dramatiker Lange seinen Beruf, weil er redend das Drama versäumt, Rhetorik schon für Theater hält.

Das Stück ist ein monströses Selbstgespräch in Kostüm und Maske. Diskutiert wird Langes ewiges Thema und Trauma: daß man sich bei der Veränderung der Welt schmutzig machen muß, daß es die moralisch reine Revolution nicht geben kann; daß Wahrheit, die blind ist für die politische Wirklichkeit, Lüge und Selbstbetrug ist; daß umgekehrt aus Lügen, werden sie mit politischer Gewalt durchgesetzt, historische Wirklichkeitwird. "Die Ermordung des Aias" ist also nur an seiner Oberfläche ein Stück über Troja – es ist ein Stück über Trotzki, antikisch kostümiert.

In "Trotzki in Coyoacan", das den Oktoberrevolutionär in seinem mexikanischen Exil vorführte, ihn als weltfremden Moralprediger und Karnickelzüchter verhöhnte, hat Lange seinem Thema ein leidlich lebendiges Theaterstück abgezwungen. Im "Aias" aber fand Lange für seine Thesen über Lüge und Wahrheit weder Figuren noch Situationen, nur Sätze. Wohl gibt es das Fragment einer Fabel: Odysseus-Stalin will Troja mit List und Lüge erobern, deshalb läßt er seine Griechen Holz hacken; Aias-Trotzki ist für die konventionelle, offene, ehrliche Art des Kämpfens, scheitert, kapituliert, geht ins Exil. Tapfer predigt er die Wahrheit, feige versäumt er die Revolution. Doch diese Fabel hat Lange mit Sätzen zugeschüttet – Sätzen, die in hundert Denkkurven, mit tausend dialektischen Scherzen eine relativ durchschaubare Sache bis zur Undurchschaubarkeit verwirren. Mit Sätzen wie diesen hier: "Die Tugend brauchts, die selbstlos bis zum Tod ist / Und nebenbei: Wozu taugt sonst die Tugend / Die selbstlos bis zum Tod ist, als zum Tod selbst? / Selbstlos ist nichts, das Nichts war hier die Tugend. / Nun, Palamedes, zeig uns deine Tugend / Und zeig sie so: Ich hätt gern eine Lüge / Die Lüge brauchts, sie paßt auf deine Tugend / Die Nichts ist, Palamedes zeigt was Nichts ist / So: Seine Tugend ist jetzt diese Lüge!"

Daß dieses Stück nicht etwa einen Philosophenkongreß vor Troja parodiert, sondern Metapher sein will für die blutige Geschichte der KPdSU: das ist Langes labyrinthischen Denkversuchen nur mit Mühe zu entnehmen, da braucht man schon die Hilfe des Programmhefts, wo sich ein Hartmut-Lange-Dechiffrier-Syndikat wort- und gedankenreich des Textes annimmt – und mit jeder nur erdenklichen dialektischen List das Dilemma des Stücks zu seinem Thema erklärt. "Polit-Helden treiben einen tragikomischen Denk-Sport" interpretiert man schlau und meint, dann würde niemand merken, wer hier der tragikomische Sportler ist: Hartmut Lange selbst.

Der Dichter muß gespürt haben, daß sein Stück in hehren Worten und leeren Begriffen vertrocknet ist. Also hat er zum klassischen Personal ein paar Figuren aus dem volkstümlichen Theater hinzuerfunden, Holzhacker, richtige Arbeiter also, Figuren, die vor Lebendigkeit geradezu dampfen. Für einen Kasten Bier verkaufen sie ihren Charakter: So ist das Volk! Und so redet das Volk: "Mensch hör doch auf!" Oder so: "Herr Menelaos, es geht alles bestens." Man sieht: entweder spricht Langes Sprache von ganz oben herab zum Publikum, von der Höhe eines hegelianischen Bewußtseins, oder sie klopft ihm kumpelhaft auf die Schulter. Bedrückend ist beides.

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Hans Lietzaus Inszenierung war die Angst vor diesem Text anzusehen – kein Wunder, daß sie auf Ausweichmanöver verfiel. Achim Freyer hat die Bühne gebaut: weiß ausgeschlagene Wände, ein Hügel mit blutrotem Tuch überdeckt. Langes Griechen steckten (was ihren Autor bitter erboste) in knallbunten Sport- und Phantasiekostümen, sahen mehr nach Tauchen und Tennisspiel, Judo und Eishockey aus als nach Alt-Griechenland, trugen ingeniös erfundene Masken, die ihre Gesichter verdoppelten und verdreifachten. Das brachte der Aufführung einen kurzen visuellen Schock – nach fünf Minuten aber hatte sich der Witz verbraucht, konnte man getrost die Augen schließen. Denn nun wurde rezitiert und deklamiert; und Deklamiertheater blieb die Aufführung auch dort, wo Lietzau seine Deklamatoren lässig aufs Hügeltuch gruppierte. Die Schauspieler hatten Angst, retteten sich in ein scheinsouveränes Dauer-Parlando, das heitere Überlegenheit im Umgang mit dem Text vortäuschen sollte. Und ein jeder suchte Unterschlupf bei seinen allervertrautesten Mitteln: Thomas Holtzmann sorgte, wie gewohnt, für die klarinettenhaft schönen und für die kasernenhaft schrillen Töne, Rolf Schult versprühte locker-zynischen Boulevard, Fritz Lichtenhahn war traurig, sanft und skurril. Zu retten war das Stück so nicht. Doch auch der Zedernwald, den Lange sich wünschte, selbst Holzhacken und Pferdebau auf offener Bühne hätten aus dem Schrift-Stück kein Theaterstück gemacht. Denn die "Schmerzen, Pausen, Menschen, Motivationen", die Reinhard Baumgart in Lietzaus Inszenierung vermißte: wie soll man die in den Bastelsätzen, den Papierfiguren Hartmut Langes überhaupt entdecken?

Ein Stück, das Stalin verharmlost: denn der hat sich nicht mit tragikomischem Denk-Sport beschäftigt, keine hegelianischen Spiele gespielt. Schlimmer: ein Denktheater, das vor lauter Klugheit und Klugtuerei die Lust am Denken umbringt, das so tut, als sei Dialektik kein Instrument zur Wahrnehmung der Wirklichkeit, sondern Gehirngymnastik.

Odysseus hat nicht nur Hegel studiert, er muß auch Hartmut-Lange-Leser sein. Denn einmal sagt er einen sehr schönen Satz: "So viel Verstand vor Troja macht, Freunde, daß sich der Verstand nicht einstellt." Benjamin Henrichs