14./15. 3. 1914

Geliebte!

Ich deute das Fallen eines Lorbeerblattes, starre die blaue Tasse an und erwarte von überall ein Zeichen. Denn der Postbote hat heute keines gebracht. Willst Du von mir ausruhen?

Wenn nicht, dann habe den Wunsch, mich in der Smetanagasse 18 zu sehen.

Telegraphiere, sooft Du willst, die Worte: „Abreise morgen früh 1/2 9 bis Nachmittag ...“

Diese Erwartung wäre mir lieber als alles und solches Immer-Wiedersehen besser als Korrespondieren. Sooft Du willst, soll es geschehen!

Wenn aber nicht – so kann ich es in der Wiener Wohnung nicht mehr aushalten. Ich bin zu nah von Dir! Ich würde nur noch auf Reisen arbeiten.

Warum haben wir jenes eigentlich nicht verabredet? Wirst Du zu müde von mir? Dann will ich keinen Schlaf mehr finden.

Mir ist es noch nie so gegangen wie in diesen Tagen und gar heute! Warum duldest Du das?

21./22. 11. 1914

Sidi, die Spannung der nächsten Tage kann ich nicht mehr durchhalten. Und liest Du das hier: „Kriegskinder“, so wirst Du die Unentbehrlichkeit einer Insel im Ozean des Wahnsinns mir nachfühlen.

Aber es steht mit uns so: wir hatten Augenblicke, zu sehen, daß wir Adam und Eva sind. Da schließt sich hinter Adam, nur hinter ihm, die Pforte und Eva bleibt. Hier ist ein Riß; es stimmt nicht.

Man müßte jetzt darüber einig werden: einig. Unsere Flamme ist heiß genug, einen Entschluß zu härten. Ich hab Dich jetzt jahrelang nicht gesehen.

Sprich nicht mehr von Arbeit. Ich bin durch die paar Seiten hinlänglich befreit. Auf lange Zeit hinaus ist weiter nichts zu thun, nichts der blutigen Dummheit zu sagen.

Alles, was ich bin, gehört Dir. Willst Du’s nicht? Du bist nicht die, damit Mißbrauch zu treiben oder zu verzichten, weil es so sicher ist. Dir kann alles gegeben und das auch noch zugegeben werden. Sogar: daß mich so viele Stimmen umdrängen und ich nur eine höre. Schütze mich vor Brutalität gegen Nicht-Geliebte, unter der man selbst leidet. Du müßtest meine Unnahbarkeit ständig umgeben. Du sagst, was jetzt um uns vorgeht, wüthe nicht gegen uns, weil wir einander brauchen? So müßte es uns doch zusammenführen. Glaub mir, es wird noch häßlicher werden. Überall. Wo wird es zwei geben, deren Blick so durch alle zeitliche Trübung aufeinander gerichtet bleibt? Jede Ablenkung ist eine Tragödie. Wir sind schutzlos, wenn wir nicht immer in unser Geheimnis fliehen können. So ist ewiges Zittern, daß es sich mir verschließt.

Ich bin unerhört neugierig auf Dich.

24. 11. 1914

Sidi, Sidi, ich weiß, daß ich zu viel verlange; bin ich kein Hindernis, so bin ich’s doch für mich selbst. Bitte beruhige mich nicht. Meiner Maßlosigkeit kann das Leben nicht genügen, und darum auch die Liebe nicht, wenn sie sich mit dem Leben abfinden muß. Was soll man thun. Wir wären jenseits aller Grenzen, nicht nur der des Landes, glücklicher gewesen. So müssen wir mit dem Glück durchzurutschen suchen und froh sein, wenn wir nicht erwischt werden. Du aber bist erst großartig jenseits aller Heimlichkeit und Vorsicht und wir müssen mit unserem Schutz mehr als das halbe Leben verbringen. Ich weiß keinen Rath. Ich weiß zur Noth, wie man vorsichtig ist, aber ich weiß nicht, wie es anstellen, um endlich einmal unvorsichtig zu sein!

Es wäre ja überirdisch gewesen. Einmal konnte ich der „Positive“, Positivste sein, liebendst bejahen vor einem Geschöpf, das dem Schöpfer Ehre macht – da ruft etwas: zu spät! – Du glaubst es nicht oder willst nicht, daß ich es glaube. Denke nicht zuviel nach, mich schriftlich zu beruhigen. Ich werde Dir, wenn Du kommst, etwas ins Ohr sagen – das glaubst Du wenigstens, während ich es sage.

8. 12. 1914

Ich danke Dir innigst und ich sehe nun, wie Du Dich bemühst, mir und meinen Zweifeln gerecht zu werden. Es kann gar nicht anders in mir sein als wie es ist. Daß Du mich willst, glaube ich fast immer. Aber ich will, daß Du mich noch anders willst, nämlich wählst. Ich verlange nicht Verzicht um der Bestätigung willen, um ein Opfer zu sehen. Sondern ich weiß, daß ich so viel verliere, wenn Du nicht anderes aufgibst. Für Dich sind es „Kompromisse“ – für mich ist es ein ganzes Opfer. Zehn vollkommen glückliche Stunden im Jahr sind viel, für mich ein übergroßer Lohn, für Dich zu wenig. Ich kann es nicht mehr ertragen, daß bis dahin und hinterdrein Mächte am Werk sind, Dich zu verkümmern. Das Glück leuchtet nur, wie Du sagst, „dazwischen“ auf. Das ist zu wenig, gerechter Weise müßte es umgekehrt sein, das wäre genug Kontribution an jene Welt, die Du selbst „niederträchtig“ nennst, weil sie „uns alles rauben möchte“. Es ist mir unfaßlich, wie Du es niederschreiben konntest: „Vielleicht, wenn ich älter bin, vielleicht könnte ich dann fort mit Dir.“ Umgekehrt solltest Du fühlen. Für alles andere außer mir und uns ist Raum, wenn Du älter bist – ohne daß Gefahr besteht, daß wir uns dann nichts mehr wären. Denn ich werde Dich nach zwanzig Jahren so sehen wie heute. Aber Du bist heute ganz anders glücklich als Du es später sein wirst. Es ist verrückt, aber ich kann nicht anders. Du hast mein Gedicht „Alles oder nichts“ verstanden, Du weißt, daß ich nicht Kompromisse schließen kann. Nie solche zu gunsten von Mächten, die Dir weniger geben als ich, da es sich mir nie um mich und immer um Dich handelt.

Wäre ich ein Ehebrecher, so würde ich so bescheiden sein können, wie es die Umstände verlangen, Geduld haben und aus unserem Geheimnis mehr Genuß ziehen; als aus unserer Liebe. So dürften wir nie zueinander stehen, weil wir doch anders geartet sind. Mir graut vor der Vorstellung, zu der meine Freundschaft gezwungen wird und ein Leben lang gezwungen sein soll.

Rom, 13. 3. 1915

Meine Braut vor Gott,

auf die ich warten werde bis zum letzten Athemzug – ewiger Knabe durch Dich. Es war nicht nöthig. Wenn es ist, kann es nur als Abenteuer zu unserm großen Leben geschlagen werden. Nie kann es Sünde gegen ihn, immer nur gegen mich geben. Schon der Zweifel war Sünde. Ich will mein künftiges Leben daran wenden, Dein Bild zu retouchieren – zu unserer Wahrheit zurück. Durch Wochen schien der Plan – den wir nie hätten ersinnen sollen – in sein tödliches Gegentheil verkehrt: Du bist über mein Herz geschritten, Du wolltest mein Gehirn zertreten und damit diese unsere Welt von Herrlichkeit, die es allein bewahrt hat. Gestern hast Du mich gerettet, und das war mehr Gnade als die letzten Wochen Schmerz hatten.

Rom, 15. 3. 1915

Liebe, süße mir und Dir Verlorene!

Ich muß heute Abschied von Deiner Müdigkeit nehmen. Denn Du mußt wissen: eine geliebte Frau soll müde werden durch die Liebe – und dann ist es noch Wohlthat, noch von der Natur gewollt, daß sie ihre Müdigkeit besiegen lasse. Wie anders, wenn sie müde vor der Liebe ist (und bald dann müde der Liebe)!

Ich weiß jetzt, daß ich in der unseligen Zeit keinem Manne unterlegen bin, aber Deiner Müdigkeit, Deiner Ergebenheit vor den Gleichgiltigkeiten und äußeren Nothwendigkeiten, die mit ein wenig Willen selbst in Deiner neuen Sphäre zu Überflüssigkeiten werden könnten. Dich nun, erschöpft vom Lauf der Zeit, nein von dieser Jagd, umarmen zu wollen, ist ein Verbrechen, an das kein anderes hinanreicht. So viel Schuld, wirst Du nicht auf mich laden wollen, denn Du kannst sie in solchen Augenblicken nicht einmal mit mir theilen. Ich habe Dich gestern wie noch nie geliebt und als Du giengst war ich nicht besser, geworden durch Dich, sondern der letzte Schutt, der je den Tag gescheut hat. Dieses zu erleben, haben uns die Sterne jener Praterfahrt nicht aufgetragen. Denn damals warst Du müde und wurdest erst lebendig durch Liebe.

Wenn es diese gibt, soll sie das Hindernis für die Hindernisse sein? Lieber bleibt sie fern.

Du hast Dich an die Hindernisse vergeben. Ich kann Dir nicht helfen und wenn ich hundertmal mein Leben Dir zum Opfer bringen wollte. Du nimmst es nicht, Du hast keine Zeit. Nie darfst Du glauben, ich wollte hier etwas. Ich will Deine Zeit nicht. Aber wie sollte ich, wenn sie Dich müde und hinfällig gemacht hat, mit gutem Gewissen Dich noch in meine Arme nehmen können? Ich kann nicht helfen, so will ich nicht unthätig zusehen oder gar den Fluch einer That auf mich nehmen, die gethan zu haben dereinst der größte Schmerz sein könnte von allen, die mir je die Liebe gebracht hat.

Rom, 15. 3. 1915

Sidi, noch einmal:

in meiner letzten Stunde, die vor der Deinen schlagen wird, soll das verzerrte Gesicht vor mir stehen, das mir Deine Schönheit gezeigt hat – als eine Anklage, daß ich zu schwach, zu verliebt war, um diesem Elend früher ein Ende zu machen.

Woran leide ich denn? An dem Konflikt, den Du durchkämpfst. Ich vermehre ihn durch Anwesenheit, will mich darum entziehen. Nur so helfe ich Dir und mir. Denn jetzt sind wir zwei uns eine immer wirkende Erinnerung daran, daß Du es nicht gut gemacht hast. Du fühlst eine große Schuld gegen mich und Dich. Ich will sie Dir abnehmen, nicht aus Freundschaft allein, sondern weil ich es nicht ertragen kann, Dich nicht in allem großartig zu sehen. Dein Entschluß war – trotz allem – nicht auf der Höhe, auf die Dich meine Liebe berufen, nein, auf der sie Dich vorgefunden hat. Es muß aber alles was Du thust auf Deiner Höhe sein, hörst Du, es muß! Sei gerecht gegen mich. Ich verlasse Dich nicht, ich muß mich nur entfernen, bis die Zeit für uns da ist, und es, nicht mehr nothwendig ist, das Schöne dem Häßlichen zu opfern. Ich bin nicht, wie Du klagst, jeden Tag ein anderer, nein in Wahrheit Semper idem. Nur schwankt meine Seele zwischen dem maßlosen Glück, Dich in Übereinstimmung mit einer himmlischen Landschaft zu wissen, und dem maßlosen Unglück. Dich von Dir selbst entfernt zu sehen. Deine Müdigkeit kommt wirklich von innen, Du hast recht, und Du mußt das Gefühl haben, daß die Liebenden scheinbar fürsorgend an Dir zerren, Ich will das nicht. Weil meine Kraft keine Gleichstellung mit einer andern erträgt, ich meine: die Kraft, Dich zu lieben und für Dich besorgt zu sein. Sie will es, indem sie sich entrückt, nicht weiter als Du von Dir selbst gekommen bist Dieses Opfer ist ungeheuer, aber es hat Vernunft während das Opfer, dort stehen zu bleiben, wo Du nicht stehst, dem Wahnsinn zutreibt. Meine Leidenschaft ist kein Hochzeitsgeschenk. Und sie muß eines Tages die Hülle sprengen, die ihr aufgehalst ist. Eher könnte sie, abgeschieden, warten bis das schönste Herz durch alle Hindernisse sich zur Menschlichkeit entschlossen hat.

Komm zu mir, bis Du frei bist! Ich werde meine ganze, nur Dir aufbewahrte Seelenkraft zusammennehmen, daß Du mich dann noch vorfindest. Ich verspreche es Dir bei der Wahrheit von irgendetwas, das wir je gemeinsam erlebt haben. So wahr die Glockenblumen auf unseres Wiese noch blühen, nein klingen werden, wenn Du wieder in Janowitz, in Dir selbst Einzug hältst.

3./4. Juli 1921

Dieser Brief, trifft Dich in schwersten Sorgen, Aber keine wäre schwer genug, um zu verwehren, daß ich Dir sage, wie tief, wie jung mein Gefühl jetzt für Dich ist. Als Du wiederkamst, war es mehr die Errungenschaft als Du selbst; die Vergewisserung: es stimmte, daß etwas als unmöglich gewußtes eben doch unmöglich war, weil unser Leben mit einem solchen Riß und Verrat nicht abschließen konnte. Diese Jahre waren eine Prüfung und wir hatten sie bestanden, Dann waren Monate, wo noch dieses Gefühl nachschwang und stärker als das Glück die Befriedigung war, daß das Grauen dieser nie geglaubten Einsamkeit vorbei sei. Dann waren Tage, wo wir in eine gemeinsame Schönheit gingen. Und nun bist Du selbst da. Nun ist die Sehnsucht groß nach einer Stunde mit Dir, wo immer sie wäre, nein, nach dem Augenblick, den Du neulich hattest und den ich noch nie gesehen, aber so oft genossen hatte. Nun ist jede Entfernung von Dir erst die Spannung Deines Reizes und die Erwartung neuer Wunder.

21./22./23. 1. 1922

Du Mein! Oder: Mein Ich! Niemals habe ich mit einer Frau erlebt, was mit Dir, und nie mit Dir, was ich jetzt mit Dir erlebe. Die letzten Nächte und Tage vor Deinem Brief, wachend und schlafend, waren ein einziger Brand und nun wird – so gehst Du mir zu Leibe, zu Geiste – was von mir noch übrig war, ganz vermehrt, um dann lebendiger zu sein als vorher. Wie lange wird dieses Wunder möglich sein? Werde ich, wirst Du das ertragen können? Es ist so, als ob wir uns jetzt zum erstenmal nahekämen. Ich hatte nur eine Andeutung von Dir, dann entschwandest Du und ich mußte alle Geisteskraft aufwenden, Dich mir zu ersetzen. Ich fühle es, nun hilfst Du mit! Jetzt, wo kein Laut mehr von Dir kommt, höre ich Deine Stimme. Wie geht das zu?

... Wir sollten Nächte miteinander verbringen, in denen wir uns gemeinsam haben, alles. Warum wohnst Du nicht bei mir? Acht Jahre – welch eine Vorbereitung auf Dich! Längst hätte ich Dich von allen Lebensdingen, Weltdingen, die Dich hindern, denen Du von Natur himmelhoch entrückt bist und deren Abmüdung mein Opfer gefordert hat, losreißen, Dir Mut einjagen müssen zu Dir und mir und gegen alles Widerstreben, gegen alles Kleine und Halsstarrige mir den unendlichen Wert, mit dem Du mein Leben verführt hast, erringen! Mit einer noch nie erlebten Spannung warte ich, wie Du ariadnehaft den Faden führst. Mit welch einem Minotaurus von einem Lebensmonstrum hatte ich’s zu tun! Keiner kann mich befreien und belohnen wie Du! Du bist sie, die ich kennen will. Solange Du fern bist, werde ich jeden Vers genießen, aus dem mir Deine volle Natur zurückströmt, und diese festgehaltenen Konturen eines Luftgebildes, nein eines Lustgebildes umarmen.

8./9. 2. 1922

Mein Glaube an Dich ist unerschütterlich – nicht an jene Natur, die schweigt, da ist alles Deiner Führung überlassen und was sonst mit mir geschieht muß Dich nicht bekümmern, so lange ich Deines unermeßlichen Reichtums teilhaftig bin. Meine Sehnsucht nach dem Zusammensein mit Deinem hohen Wert überwältigt mich. Unendliches könnte vor uns liegen, wenn Du erfüllen wolltest, was Du schon zugesagt hast: daß wir zusammen reisen und endlich nach Verzicht auf je ein halbes Leben, das sich gegenseitig noch aufhebt, zur schönsten Gemeinsamkeit gelangen wollen. Mein Entschluß ist gefaßt. Ich erhalte mich längst nur durch die Arbeit, aber dazwischen sind Minuten, Sekunden, die eine Ewigkeit von Hölle einschließen, und es kann so nicht weitergehen. Es ist alles entsetzlich verhängt und nur einen Durchblick gibt es, auf Dein Bild, das ich zu halten suche. Ich bin fest entschlossen, nach Beendigung des großen Werkes hier für so lange Zeit als Du willst ein Ende zu machen und überallhin, wohin Du willst, mit Dir zu gehen.

13./14. 2. 1922

Ich werde einmal unter der Mühsal, mit der Du Dich belädst, zusammenbrechen, nicht weil ich nicht die Kraft hätte, das Abwaschwasser, in dem Du hantierst, in einen kastalischen Quell zu verwandeln und Dich in jeder Deiner Gestalten unvergleichlich zu finden – so sehr, daß ich sicher auch nie ein Schönheitsopfer, das Dir die Zeit einmal abverlangt, wahrnehmen würde –: aber Deine Abhaltung von Dir selbst und von aller stofflichen Schönheit und Buntheit, in die ich Dein Leben eingefaßt wünsche, die Unmöglichkeit zu Dir zu gelangen, wenn ich gerade das Dir sagen will, die Lebensverkürzung – für zwei Leben – durch alles Äußere, die Qual, Dich gerade dann und da nicht zu haben, wo ich Dich brauche, für Dich brauche, mich für Dich brauche, die Angst, daß zwei sich aufheben, anstatt eins zu bilden und daraus alles, die Wahnidee, Dich in keiner der Gestalten mehr zu sehen – es wird mich einmal in einen solchen Wirbel reißen, aus dem kein Herauskommen mehr ist! Ich habe zu viel Glauben in Dich getan, um mich mit gesunder Besinnung ins Nichts zu fügen. Dies sage ich Dir, wiewohl ich schon weiß – Dein Telegramm sagt es mir –, daß alles gerettet ist; daß wir gerettet sind. Es ist auch nur dazu, Dir meine Empfindungen bis zu diesem Feuerzeichen, das mich beglückt hat, darzustellen. Darf ich Dir sagen, es sei ja natürlich, daß Dich „nichts“ hierher locke außer der „Stelle am Schreibtisch“, und daß eben diese es vermögen müßte? Ja, wenn sie’s vermag, so wird sie’s! Was das Äußere hier betrifft – sollte nicht der große Entschluß schon dieser Vorbesprechung das Zusammenwohnen ermöglichen?

Ich kann es mir ja nicht erklären, aber seit einiger Zeit ist, wohl durch Träume, eine große Veränderung von mir zu Dir eingetreten. Ich stehe Dir viel freier als ehedem gegenüber und bin darum noch mehr an Dich gebunden. Ich kann mir auch gar nicht vorstellen, daß sich das ändern könnte. Es ist mir als ob nicht-mehr die Nöthigung sein könnte, Dir durch die Retouchen an Dir Leid zu verursachen, ein Teilchen von dem Leid, aus dem dieser Drang gekommen ist. Wie frei wärst Du, wenn Du Dich ganz zu mir entschließen könntest; frei zu dem Entschluß, frei durch ihn! Wenn ich Deine (und meine) Qualitäten bedenke, verstehe ich gar nicht, warum Du nicht immer da bist oder wir nicht immer zusammen. An Dir, dem Ausnahmsfall meines Lebens, verehre ich Züge und Fähigkeiten als natürlich, die mir an und für sich fremd und unvereinbar mit Geliebtwerden erschienen wären.

3./4. April 1927

Ich fühle aus ganzem Herzen mit Dir.

Es ist bereit, dem Bekenntnis der Leiden mehr zu glauben als einem der Liebe, und also bereit, zu helfen. Aber wie? Ein Einsamer ist es doch, der Dich aus Deiner Einsamkeit erlösen soll, einer, der sich das Glück der Liebe längst nicht mehr vorgestellt hat und könnte er seiner habhaft werden, es nie mehr mit Unruhe erkaufen dürfte. So fern diesem Erlebnis, daß er selbst die Entfernung nicht zum Ausdruck bringen kann. Einige von den tausend Gedanken, die da bei der ersten Wiederberührung entspringen, hätte ich Dir sonst in all der Zeit auf Deine wohlverstandenen und dankbar wie teilnehmend empfundenen Rufe mitgeteilt. Ich konnte es einfach nicht. Ob es auch so gekommen wäre, wenn Du mich nicht verlassen hättest, um verlassen zu sein: ich weiß es nicht. Vielleicht war Dein Weg der meine und ist also nur der Punkt des Zusammentreffens von der Natur gegeben. Man sollte glauben wie ersehnen, daß alles gut gemacht werden kann. Aber damit man glauben wie hoffen könne, daß es so bleibe, muß das Schlechte erkannt sein. Dessen Bedarf selbst wäre die Illusion der Sicherung. Mißverständnisse waren es nie auf meiner Seite: Du rebelliertest gegen mich, da Deine Hälfte das Ganze meiner Zuneigung nicht mehr brauchen konnte und die andere doch ins Entbehren kam. Du hattest im Kopfsturz in Deine unheiligere Region – welche doch von mir wie keinem anderen geheiligt worden wäre – über mich sittlich gerichtet, auf einen irren Schein hin. Du hast dann, aus Deiner Welt den Lauf der Dinge regierend, alles Menschliche und Mögliche des ehedem Nächsten ausschaltend von ihm verlangt, daß er das Zeremoniell eines Glaubens hüte, dem Du abgeschworen hattest. Daß ein Mensch innen und außen an dem Punkt stehen bleibe, wo er verlassen wurde – auch solches Verlangen gehört der Natur an, auf die ich nicht böse sein kann. Doch nicht unnatürlich ist auch der sittliche Drang, all diese Ungemäßheiten zum Ausdruck zu bringen, und die Hoffnung, solches Bewußtwerden möchte dazu helfen, daß Dein unverlorener Wert Dich künftig ganz besitze und bewahre. Kein anderer hätte, was seiner Liebe da durch Tat und Wort geschah, lebendig ertragen, aber – und nun das, was mir den Mut nimmt –: wenn geistige Arbeit retten kann, rettet sie so gründlich, daß nichts mehr für das Leben übrigbleibt. ... Nun ‚auf dieses Dein Bekenntnis hin; nun, wo Du es fast aussprichst, daß Deine Lebenshoffnung meinen Namen hat, fühle ich eine Pflicht. Aber daß ich sie ganz erfülle, dazu, fürchte ich, müßtest Du das Größere leisten. Daß ein Untergegangener einen Ertrinkenden rette, dazu bedarf es schon des Wunders. Verfügst Du über das „Zauberwort“, mich in das Leben zurückzubringen, um Dir zu helfen? Du brauchst das Erlebnis, mir genügt immer mehr, es aufgeschrieben zu haben.