Mainz

Seit Wochen diskutieren die Polizeibeamten in den rheinland-pfälzischen Revieren, wie das wohl sein wird, wenn künftig Polizistinnen Dienst tun und „mit auf Streife gehen“. Denn unbemerkt von der Öffentlichkeit hat das Innenministerium in Mainz zum Jahresbeginn sechzig Frauen eingestellt, die es zu Verkehrspolizisten ausbilden will. Beworben haben sich vor allem kaufmännische Angestellte, Stenokontoristinnen, Friseusen, Verkäuferinnen und Facharbeiterinnen, zwischen 20 und 34 Jahren alt. Im Laufe des Monats Juli sollen sie – nach einem Schnellkursus von sechs Monaten – in die bisher nur Männern vorbehaltenen Amtsstuben der Polizei einziehen. Rheinland-Pfalz wird als erstes Bundesland erproben, was im Ausland schon seit Jahren üblich ist.

Stürmen die Frauen jetzt auch das vorletzte Männerreservat (das letzte ist die Bundeswehr), die Schutzpolizei? Hermann Schmidt, stellvertretender Leiter der Polizeiabteilung im Innenministerium, weist den Gedanken weit von sich, daß man etwa nur, um die Gleichberechtigung durchzusetzen, jetzt Polizistinnen ausbildet. „Uns bleibt gar keine andere Wahl. Im Land fehlen 1500 Polizisten. Unsere zweite Polizeischule wird gebaut; den ersten Beamten wird sie jedoch erst 1978 ausgebildet haben.“

Wenn der Versuch gelingt, will man in Rheinland-Pfalz 500 Polizistinnen ausbilden. Da man das Wort von der „Gleichberechtigung in der Polizei“ nicht hören kann, sehen die Pläne vor, sie mit Hilfsaufgaben abzufinden – wie immer, wenn Frauen in einen Beruf vordringen, der bis dahin nur Männern vorbehalten war.

Die Polizistinnen sollen bei der Verkehrsregelung und bei der Unfallaufnahme helfen. „Dafür braucht man wirklich nicht die lange Ausbildung, die wir Männer haben. Wir sind sowieso mit Verkehrsaufgaben völlig überlastet, und darunter leidet die Verbrechensbekämpfung“, meint der „Diensthabende“ in Gonsenheim. Aus Sicherheitsgründen sollen die Frauen nicht mit Überland-Aufgaben betraut, sondern nur in den 21 Städten eingesetzt werden. Und deshalb sollen sie auch nur am Tag Dienst tun. Denn eine Waffe will man ihnen nicht geben. „Das würde nur die Ausbildungszeit unnötig verlängern. In kritischen Situationen können sie ja über Funk ihre männlichen Kollegen zu Hilfe rufen“, meint Hermann Schmidt.

Darauf freut sich schon der junge Bamte im Gonsenheimer Revier: „Was glauben sie, wie schnell wir am Tatort sind. Nur dürfen sie nicht bei jedem Dreck rufen“, warnt er. Mit anderen Worten: Die Polizistinnen müssen fachlich gut ausgebildet sein. Ob das allerdings in Mainz gelingt, ist fraglich; bisher findet die Ausbildung nur halbtags statt.

Offen ist noch, wie die Polizistinnen einmal eingesetzt werden: zu zweit in einem Wagen oder einzeln mit einem männlichen Kollegen. Die „Paarbesatzung“ könnte womöglich einen Proteststurm eifersüchtiger Ehefrauen – wie in Amerika geschehen – auslösen. Doch die Polizeiführung wiegelt ab; schließlich gebe es in der Bundesrepublik ja noch ein Disziplinarrecht. Ehebruch in Uniform, im Polizeiwagen auf der Bahnhofstraße am hellichten Tag, ist nämlich ein schweres Dienstvergehen. Eine Disziplinarstrafe – Gehaltskürzung oder Strafversetzung – erhielte allerdings nur der männliche Beteiligte. Denn weil das Projekt nur ein Versuch ist, sind die Polizistinnen nur Angestellte. Und Angestellte unterliegen nicht dem Dienststrafrecht.

Karl-Heinz Baum