Zwei Jahrzehnte lang haben die besten Eisschnelläufer der Welt und dazu natürlich auch die Damen dieser schnellen Zunft davon geträumt, einmal auf der „Wunderbahn“ von Alma-Ata starten zu dürfen, wo die Sowjets die Weltrekorde gleich dutzendweise liefen. Exakt waren es 42 Weltrekorde zwischen 1952 und 1970. Doch den besten Skandinaviern und Holländern, den „Windhunden des Eises“ aus den USA und dazu auch Erhard Keller war die Bahn von Medeo verschlossen. Bestenfalls durften einige drittklassige osteuropäische Eisschnelläufer und ein paar DDR-Läufer auf dem alten 400-m-0val von Medeo, das durch einen mit Überschwemmungen verbundenen Erdrutsch, zerstört wurde, ihr Image mit Rekorden aufpolieren. Doch in Medeo existiert eine neue „Wunderbahn“, und sie wurde der Hautevolee Europas auf grotesk-kuriose Weise geöffnet: Die Europameisterschaft im Vierkampf der Frauen fand am 2. und 3. Februar in Medeo bei Alma-Ata statt. Die Geheimniskrämerei der sowjetischen Eisschnelläufer scheint also der Vergangenheit anzugehören. Mehr noch, 1975 soll die Europameisterschaft der Männer auch nach Medeo vergeben werden.

So wird ein Kuriosum Wirklichkeit: 5000 Kilometer mußte die Olympiasiegerin Monika Pflug aus Inzell fliegen, um bei den Europameisterschaften Siebente zu werden. Denn das 10 500 Zuschauer fassende Eisschnellaufstadion von Medeo, in 1690 m Höhe gelegen, ist nicht einmal 200 Kilometer von der chinesischen Grenze entfernt. Alma-Ata ist die Hauptstadt der sowjetischen Unionsrepublik Kasachstan, und von Moskau bis Alma-Ata sind es vier Jet-Flugstunden. Doch die International Skating Union (ISU) stört das alles wenig, weil es – so sagen es die Paragraphen – dem sowjetischen Verband überlassen ist, wo er in seinem weiträumigen Riesenreich die ihm übertragenen europäischen Titelkämpfe arrangiert.

Die Eisschnelläuferinnen und ihre Trainer freuen sich – trotz der hohen Kosten – allerdings auf diese Europameisterschaft, denn das Eisstadion von Medeo gilt als das Nonplusultra der Branche und als die schnellste Bahn der Welt. An den Hängen des Mochnataja-Massivs in Westturkestan ist eine „Wunderbahn“ geschaffen worden, über die der ISU-Generalsekretär Beat Häsler aus Davos urteilt: „Diese Bahn stellt eine echte Konkurrenz für Davos und Inzell dar. Hier werden wir eine Weltrekordflut erleben. Die neue Bahn von Medeo, für die sogar Lawinenschutzschilde und ein eigener Staudamm angelegt worden sind, der erst den Bau dieser Bahn ermöglichte, stellt das Optimum dar. Im übrigen herrschen die gleichen klimatischen Verhältnisse wie in Davos, obwohl Alma-Ata ungefähr auf einer Höhe mit Genua liegt.“

Ganz besonders aber freute sich der deutsche Bundestrainer Herbert Höfl auf diese Titelkämpfe im fernen Kasachstan: „Es ging mir nicht um die sicherlich interessante Reise. Wir wollten einfach diese ‚Wunderbahn‘ kennenlernen. Mich reizte diese Bahn in 1690 m Höhe; die Eisverhältnisse interessierten mich. Und außerdem mußten jene Läuferinnen der Welt mit einem fast perfekten Stil auf Hochgebirgsbahnen zu besonders guten Leistungen fähig sein.“ So ergibt sich in der neuen bevorstehenden Saison das Paradoxon, daß die Europameisterschaft von den Aktiven als die Attraktion des Winters angesehen wird und die guten wie die weniger guten Läuferinnen viel mehr interessiert als die Weltmeisterschaft im Großen Vierkampf und im Sprint in Holland beziehungsweise in Innsbruck.

Karl Morgenstern