Klaus Dieter Arndt war mehr als die wirtschaftspolitische Hoffnung seiner Partei, der sein Format – so treu er ihr diente – verborgen oder unheimlich gewesen sein muß; denn sie ließ ihn eindrucksvolle Chargen-, aber niemals eine Hauptrolle spielen. Arndt war die große Hoffnung seiner Altersgenossen, quer durch alle politischen Parteien. Sein überragender Intellekt überbrückte die beklemmende Kluft zwischen ökonomischer Einsicht und wirtschaftspolitischem Handeln; seine Rezepte waren stets von heute, niemals von gestern oder vorgestern.

Klaus Dieter Arndts Ausstrahlung ging jedoch tiefer. Indem er den Wissenschaftler mit dem Politiker vereinte, versachlichte er, wo immer er auftrat. Die von ihm mit bestechender Argumentation aufgezeigten Sachzwänge ebneten den Weg zum Konsensus auch unter politisch Andersdenkenden. Er lehrte seine Umwelt, daß in der politischen Ökonomie Zweckmäßigkeiten und nicht Ideologien den Ausschlag geben – oder es sollten.

So war er nicht ein Mann des Jahres, sondern seiner Generation, die ihn verstand wie kaum einen (unsere Tragödie, daß die, die nach ihm kommen, es weniger tun-werden).

Arndts kühle Sachlichkeit wurzelte keineswegs im nur Pragmatischen. Max Webers Postulate von der Vorurteilslosigkeit des Wissenschaftlers und der dem Gesamtwohl verpflichteten Interessenfreiheit des Politikers – er versuchte sie zu verbinden, so ungern er über dergleichen sprach. Die Marktwirtschaft als wirtschaftliche Ordnung freier Menschen entsprach seinen wissenschaftlichen und politischen Normen. Gefährdet sah er sie weniger durch ihre Feinde, über deren Naivität er lächelte, als durch ihre Freunde, die sie mit falscher Politik in Verruf brachten. Sein (wirtschafts-)politisches Kredo lautete darum: Das Schiff der Marktwirtschaft, auf dem alle sichere Arbeitsplätze, ausreichendes Einkommen und eine leidliche Stabilität von Geld und Vermögen finden konnten, richtig zu steuern und vorbei an Unwetterzonen (konjunkturellen Tiefs) und Untiefen (Strukturbarrieren) zu führen. Gelang dieses, dann war die politische Stabilität der sozialen Demokratie gesichert und allen Systemveränderern der Boden entzogen. In diesem Sinne war Arndt ein „Konservativer“ aus Einsicht in höchst verwickelte Zusammenhänge.

Arndt hatte zuwenig Gelegenheit, seine Fähigkeiten als wirtschaftspolitischer Steuermann zu demonstrieren. Er stand nur für historische Momente auf der wirtschaftspolitischen Bühne. Sein großer Auftritt – so hofften viele – lag noch vor ihm. Er hat ihn nicht mehr erlebt. Er blieb wie Hamlet kein „von des Gedankens angekränkelter“ Nichttäter, sondern ein gehinderter. Darum gilt des jungen Fortinbrass der Nachwelt überbrachtes Urteil auch ihm: „Er hätte sich, hinaufgelangt, höchst königlich bewährt.“ Die Zeit, die vor uns liegt, wird ihn uns mehr noch als die vergangene immer wieder in Erinnerung bringen. Wilhelm Hankel