Von Rudolf Wassermann

Mit der Reform der Juristenausbildung wird es Ernst. Noch vor kurzem schien es, als ob die in den letzten Jahren entwickelten Reformmodelle das Schicksal so vieler früherer Anläufe teilen und zu Makulatur werden würden. In den letzten Monaten hat sich aber gezeigt, daß die scharfe Kritik der Reformer an der herkömmlichen Juristenausbildung nicht ohne Ergebnis geblieben ist. Die Reformexperimente der einstufigen Juristenausbildung in Augsburg und Bremen, die seit 1971 laufen, erhalten Konkurrenz durch Modellversuche in Bielefeld, Hamburg, Hannover, Frankfurt, Konstanz und Trier. Die Universität in Bielefeld hat schon im letzten Herbst das Startzeichen gegeben, in den anderen Universitäten ist der Beginn für 1974 vorgesehen, in Trier erst 1975.

Begonnen hat das alles 1968 mit einem Paukenschlag. Damals waren in der Evangelischen Akademie Loccum Professoren, Studenten und Rechtspraktiker zusammengekommen, die der permanenten Randkorrekturen müde geworden waren. „Es gibt eine Geschichte der juristischen Ausbildungsreform“, so hieß es, „aber die Reform findet nicht statt.“

Ein Arbeitskreis wurde gebildet, der binnen eines Jahres ein Konzept entwickelte, das zum vielfach variierten Grundmodell für die Reform wurde. Als erstes Land griff Hamburg die Initiative auf. Nachdem der Deutsche Juristentag 1970 in Mainz Empfehlungen beschlossen hatte, ermöglichten ein Jahr später Bundestag und Bundesrat die Reform, indem sie durch eine Experimentierklausel im Deutschen Richtergesetz den Ländern die Zusammenfassung von Studium und praktischer Ausbildung gestatteten.

Haben die Länder diese Chance genutzt? Hält man sich an die Zahl der Reformversuche, so scheint die positive Antwort leicht zu fallen. Damit, daß fast alle Länder sich an dem Experiment beteiligen würden, hatte im Ernst wohl niemand gerechnet. Quantität kann freilich die Qualität nicht ersetzen. Man muß sich deshalb die Frage vorlegen, ob die aufwendigen Reformversuche nur eine Art Alibi darstellen, indem sie alten Wein in neue Schläuche gießen, oder aber über formale Änderungen hinaus auch auf eine inhaltliche Ausbildungsreform abzielen.

In den Grundzügen stimmen die Modellversuche trotz aller Differenzierungen im Detail weitgehend überein. Das theoretische Studium an der Universität wird mit der praktischen Ausbildung, die bisher im Referendardienst geleistet wurde, zu einem einheitlichen Ausbildungsgang verklammert. Er dauert in der Regel sechs Jahre (Ausnahmen machen Hamburg, das mit fünfeinhalb Jahren auskommen will, Trier mit sechs Jahren und zwei Monaten und Bielefeld, das sechs Jahre und vier Monate für erforderlich hält).

Für die praktische Ausbildung ist etwa ein Drittel der gesamten Ausbildungszeit vorgesehen. Methodisch wird auf die Arbeit in kleinen Gruppen besonderer Wert gelegt. Das bisherige Referendarexamen wird in Bayern und Baden-Württemberg durch eine Zwischenprüfung, in den Reformmodellen der anderen Länder durch ausbildungsbegleitende Leistungskontrollen ersetzt.