Von Rudolf Herlt

Am Morgen des 15. Februar war es Ludwig Poullain klar, daß auch Gerüchte gelegentlich ernst genommen werden müssen. Der Vorstandsvorsitzende der Westdeutschen Landesbank Girozentrale Düsseldorf/Münster fahndete ungeduldig nach dem stellvertretenden Vorsitzenden seines Verwaltungsrats, dem Finanzminister des Landes Nordrhein-Westfalen, Hans Wertz, weil nur er das Gerücht dementieren konnte. Erst um die Mittagszeit gelang es, Wertz im Bundesrat aufzuspüren. Wenige Minuten später lief über die Agenturen die Nachricht, alle Gerüchte über eine jetzt oder später beabsichtigte Ablösung des 54jährigen Poullain durch Wertz seien „frei erfundene spekulative Erwägungen, die jeder Grundlage entbehrten“.

Die Gerüchte hatten eine klassische Entwicklungsgeschichte. Es fing mit der Meldung an, der Sozialdemokrat Wertz wolle der Politik den Rücken kehren und zu einer Großbank gehen. Kurze Zeit später hieß die zweite Version, Wertz werde Nachfolger von Helmut Lipfert, der den Vorstand der Westdeutschen Landesbank aus Gesundheitsgründen verlassen und um Versetzung in den Ruhestand gebeten hatte. Die dritte Fassung: Wertz werde gleichberechtigt neben Poullain arbeiten, und der Oberstadtdirektor von Wuppertal werde neuer Finanzminister von Nordrhein-Westfalen.

Die vierte Version wollte wissen, Wertz werde Poullain ablösen. In einschlägigen Kreisen erscholl homerisches Gelächter, auch im Vorstand der Westdeutschen Landesbank. Gleichzeitig bestätigte Wertz, sicher in Unkenntnis der neuesten Gerüchteversion, sein Interesse an einem Bankvorstandsposten, nannte aber das Institut nicht. Auf Anfrage wurde damals im Düsseldorfer Finanzministerium versichert, Wertz werde seinem Ministerpräsidenten Kühn bis zur Wahl loyal dienen. Daraus wiederum schlossen Berufs- und Amateurrechercheure flugs, also werde Wertz erst 1975 wechseln, Poullain könne dann mit 55 in Pension gehen. Die vorläufig letzte Fassung des Gerüchts lautete dann: Wertz wird Nachfolger von Poullain und Poullain Bundesbankpräsident.

Wo Rauch ist, ist meist auch Feuer. Es gab einige handfeste Anlässe für diese Gerüchtekocherei. Bekannt war, daß Hans Wertz irgendwann einmal aus der Politik in die Dienste der Westdeutschen Landesbank hinüberwechseln würde. Dieser Zeitpunkt war jedoch, wie sich rasch herausstellte, noch nicht gekommen. Beim neuesten Revirement im Vorstand der Westdeutschen Landesbank spielte Wertz noch nicht mit. Im Zuge einer Umorganisation vom Dezernatsystem zur kundenorientierten Arbeitsaufteilung hat sich die Bank von Vorstandsmitglied Paul Zimmermann, mit Helmut Lipfert gemeinsam für den Devisenhandel zuständig, getrennt. Aus dem eigenen Hause werden am 1. März 1974 zwei neue stellvertretende Mitglieder in den Vorstand gehoben, Adolf Kracht und Wolfgang Burda. Im Laufe des Jahres will Poullain noch zwei weitere Vorstandsmitglieder vorschlagen, einen für den Auslandsbereich und einen für Wertpapiere. Wenn überhaupt, könnte Hans Wertz einer der beiden sein. Da auch Helmut Lipfert ausgeschieden ist, hätte der Vorstand dann wieder wie früher elf Mitglieder.

Das Ausscheiden Lipferts war der andere handfeste Anlaß für die Weitergabe von Personalspekulationen hinter vorgehaltener Hand, Am 14. Februar hat das Präsidium des Verwaltungsrats über Lipferts Gesuch, ihn in den Ruhestand zu versetzen, beraten und ist dabei dem Vorschlag des Vorstands gefolgt. Alle sechs Vertreter der fünf Gewährsträger der öffentlichrechtlichen Bank billigten die ungewöhnliche Pensionierung eines 49jährigen. Zwei von ihnen, der Präsident des Westfälisch-Lippischen Sparkassen- und Giroverbandes, Erwin Wehmeier, und der Landesdirektor des Landschaftsverbandes Rheinland, Udo Klausa, gehören (wie Lipfert) der CDU an, die restlichen vier der SPD: der Präsident des Rheinischen Sparkassen- und Giroverbandes, Friedel Neuber, der Landesdirektor des Landschaftsverbandes Westfalen-Lippe, Walter Hoffmann, Finanzminister Wertz und ein Arbeitnehmervertreter. Sie kommen alle sechs Wochen einmal zusammen, damit sie vom Vorstand laufend über Entwicklung und Lage der Bank und über wichtige Geschäftsvorfälle unterrichtet werden können. Ob auch der Verwaltungsrat am 21. Februar die Personalveränderungen billigen wird, bleibt abzuwarten.

Wäre Helmut Lipfert 65 oder auch 60 Jahre alt, niemand hätte seinen Entschluß, in den Ruhestand zu gehen, mit Spekulationen um Wem und Poullain in einen Sinnzusammenhang gebracht. Aber Lipfert ist noch jung. Der frühere Dozent für Bankbetriebswirtschaftslehre an der Universität Hamburg arbeitete schon unter Altmeister Butschkau bei der Rheinischen Girozentrale, die später mit der Westfälischen Landesbank verschmolzen wurde. Der anerkannte Währungsexperte, von Butschkau als sein potentieller Nachfolger ausersehen, hat nach der Fusion loyal unter dem Vorstandsvorsitz Poullains der Westdeutschen Landesbank den Markt der ausländischen Anleihen erschlossen. Als begabter Akquisiteur hat er mit dem Aufbau des Konsortialgeschäfts nach Ansicht von Branchenkennern im Wettbewerb mit den Großbanken der Westdeutschen Landesbank lukrative Geschäfte gesichert. Er gehörte dem CDU-Wirtschaftsrat an.