Von Hans Eckart Rübesamen

Nicht erst Ludwig Ganghofer hat das Berchtesgadener Land bei den Deutschen populär gemacht. Wohl verdankt der Alpenwinkel im Südosten der Bundesrepublik sein treuherziges, mit keinem Werbeetat aufzuwiegendes Image so unverwüstlichen Romanen wie „Die Martinsklause“, „Der Klosterjäger“, „Schloß Hubertus“, doch seine touristischen Traditionen reichen weiter zurück. Alexander von Humboldt, Ludwig Richter, bayerische Könige und preußische Sommerfrischler haben sich – jeder auf seine Weise – lobpreisend in den Dienst der regionalen Werbung gestellt. Und schon 1870 ist von den Berchtesgadenern ein Verkehrsförderungsverein gegründet worden.

Seither gilt das Berchtesgadener Land als ein Fremdenverkehrsgebiet ersten Ranges. Aber nur im Sommer. Von einer Wintersaison war nicht die Rede. Erfahrene Skibergsteiger allein wußten, daß zwischen Schneibstein, Funtensee und Steinernem Meer das weitläufigste und interessanteste Tourenrevier im deutschen Alpenraum auf sie wartete. Aber sie sagten es nicht weiter, und ein Geschäft war mit ihnen, die Brot und Speck im Rucksack mit sich herumtrugen, auch nicht zu machen. Was das rings von Bergen umstellte „Land!“ aus seinem tiefen Winterschlaf schließlich weckte, war die Einsicht, daß sein Fremdenverkehr ohne zweite Saison nicht dauerhaft gedeihen könne.

Das Berchtesgadener Land im Winter: Watzmann und Hochkalter, Untersberg und Obersalzberg, die Kirchtürme der ehemals Fürstpröpstlichen Residenz und die Zwiebelturmhauben draußen auf den Dörfern setzen Akzente in weicher Winterlandschaft. Doch mit Natur und frischer Luft allein kann man einen Wintergast heute nicht mehr zufriedenstellen. Die Berchtesgadener haben sich in den vergangenen Jahren sehr angestrengt und ihre reiche natürliche Substanz aktiviert, um den Rückstand gegenüber der Konkurrenz aufzuholen. Ihr „Winterurlaub für jeden Typ“ kann sich sehen lassen.

Das mit Recht gerühmte Wanderwegenetz des Berchtesgadener Landes ist nun auch im Winter „weitgehend“ in Betrieb. 120 Kilometer in Höhen zwischen 600 und 1200 Metern werden ständig geräumt, größeren Auslauf wird man in den winterlichen Alpen selten finden. Und wo gibt es einen Spazierweg wie den über den zugefrorenen malerischen Königssee zur Wildfütterung nach St. Bartholomä? Ein Skilanglaufzentrum mit Umkleideraum, Dusche und einer acht Kilometer langen Rundwanderstrecke ist bei Bischofswiesen angelegt worden. Wer nicht im eingefahrenen Gleis der präparierten Loipe bleiben will, findet aber überall schöne und – wenn gewünscht – auch schweißtreibende Wege.

In vielen Wintersportorten kann man ein bißchen rodeln – ein beiläufiges Kindervergnügen, zu dem auch Erwachsene – zugelassen sind. Im Berchtesgadener Land wird Rodeln als Leistungssport gepflegt und gelehrt. Stolzes Demonstrationsobjekt ist die „erste Kunsteis-Rennrodelbahn“ bei Königssee (1100 m Länge, 10 Prozent Gefälle), offizielle Trainingsstrecke für Rennrodler und Zweierbobs. Wer es einmal probieren will: Die Bobschule Königssee veranstaltet wöchentliche Gästerennen und komplette Wochenkurse, in denen man sich bei „gutem kräftigen Allgemeinzustand“ als „Pilot“ oder als „Bremser“ ausbilden lassen kann. Die längste Rodelbahn im Revier ist aber nicht hier, sondern am Obersalzberg. Sie beginnt an der Bergstation der Seilbahn und endet nach zweieinhalb Kilometern unten neben dem öffentlichen Hallenbad. Von da ist es nicht mehr weit zum neuen Kunsteisstadion im Sportzentrum Breitwiese. Rodel- und Natureisbahnen, vor allem für Eisstockschützen geeignet, gibt es auch in Oberau und Bischofswiesen, am Königssee und am Hintersee bei Ramsau.

Das Berchtesgadener Land ist eine natürlich begrenzte, geschlossene Kulturlandschaft, aber auch ein weitläufiges Gebiet. Die Entfernungen zwischen den einzelnen Orten mit allem, was sie zu bieten haben, sind zum Teil beträchtlich – 25 Kilometer zum Beispiel von Ramsau bis Schellenberg. Wer ohne eigenen Wagen kommt, ist auf den öffentlichen Busverkehr angewiesen, der allerdings gut funktioniert. Auch die Skifahrer müssen hier auf die Dörfer gehen – auf verschiedene Dörfer. Das ist wohl das entscheidende Handikap im harten Konkurrenzkampf um den Wintergast. Denn obgleich die Zahl der Nichtskifahrer zunimmt, wird ein Wintersportgebiet immer noch an seinen Pistenrevieren gemessen. Und da gibt es rund um Berchtesgaden eben nicht ein großes, sondern drei von nicht gerade umwerfenden Dimensionen: Jenner, Roßfeld und Hochschwarzeck.