Die Gleichsetzung mit Restauration und Reaktion führt auf die falsche Fährte

Von Manfred Abelein

Die Phase der Entideologisierung scheint vorüber zu sein. Abgesehen von den ersten Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg ist die Auseinandersetzung um geistige Positionen noch nie mit einer solchen Intensität geführt worden wie gegenwärtig. Sie hat die verschiedensten geistigen Gruppierungen erfaßt, von den Kirchen bis zu den politischen Parteien.

Begriffliche Schärfe ist nicht gerade das hervorstechende Kennzeichen der Theoriebildungen und der Polemik in den letzten Jahren. Dafür trat der Drang zum Bekenntnis sehr viel deutlicher hervor. Dabei stößt man auf ein seltsames Paradox: Auf der einen Seite verschwammen die gedanklichen Konturen der Begriffe immer mehr, auf der anderen Seite schlossen sie sich in der Welt des Affektes und der Emotionen immer fester zusammen. Je intellektueller sich die Streitenden gaben, desto mehr zeigten sie sich bei genauerem Hinsehen als Glaubenssuchende.

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Diese Situation sollte eigentlich besonders den Kirchen bei ihren Bemühungen um intellektuelle Aufarbeitung ihres Glaubensinhaltes zu denken geben. So verdienstvoll unter wissenschaftlich theologischen Aspekten diese Bemühungen auch sein mögen, aus der Sicht des Ideologiekonsumenten scheint es aber, daß die Kirchen, neuerdings speziell die katholische Kirche, die Situation wiederum nicht begriffen haben. Eine Art Marktforschung des Glaubens würde wahrscheinlich zu dem Ergebnis führen, daß die von der katholischen Kirche verspätet nachgeholte Aufklärung in der Form einer Neuauflage historisch-kritischer Theologieansätze wieder zu spät kommt. Denn just „Aufklärung“ ist es, was in der aufgeklärten Welt der Gegenwart nicht an der ersten Stelle der Nachfrage steht. Etwas vergröbert gesagt: Am meisten gefragt ist immer, was am rarsten ist, und das sind gegenwärtig Antworten auf rational schwer zu bewältigende Fragen.

Gewinn der Mitte