Von Heinz Josef Herbort

In seinem Epilog faßt der Hans Wurst zusammen, was er an „Lehren gezogen mit knapper Mühe und Not“, nämlich erstens: „Nie tote Büttel anschreien/weil die dann aufleben, das gibt außerordentliche Scherereien“; zweitens: „Witze muß man machen./Aber nicht bis zum Tränenlachen./Also nach Maß.“ Dann klappt er ein riesengroßes Rasiermesser auseinander zu einem Brückensteg über das Wasser, aus dem das Krokodil gierig nach ihm schnappt, und während er mit äußerster Vorsicht über die Schneide balanciert hinüber ans andere Ufer, gesteht er weiter: „Ein Spaziergang auf dem Rasiermesser macht auch Spaß./Sie sehen, meine Damen und Herren: Ich lebe gern.“

Diese Knittelverse am Ende von Paul Dessaus am letzten Samstag in der Deutschen Staatsoper Berlin (DDR) uraufgeführten Oper „Einstein“ (Libretto: Karl Mickel) könnten einen Schlüssel liefern für das ganze Stück. Denn in der Tat haben hier Komponist wie Textdichter eine Zwei-Stunden-Gratwanderung unternommen, auf einer messerscharfen Kante über lebensgefährlichem Abgrund um Gleichgewicht kämpfend, Scherereien vermeidend, indem sie „Witze“ allenfalls mit Maßen machten. Physisch wie künstlerisch wollen beide gern leben – und überleben.

Paul Dessau: 1894 wurde er in Hamburg geboren, er sollte Sänger werden und wurde Geiger; er debütierte mit elf und spielte sein erstes öffentliches Konzert mit vierzehn Jahren; mit vierzehn fing er auch an zu komponieren, romantische kleine Liedchen nach Goethe und Storm. Mit sechzehn ging er in Berlin zum Konservatorium, hatte ein Jahr darauf seine erste Oper „Giuditta“ fertig, mit achtzehn nahm er den Dirigentenstab in die Hand, wurde Korrepetitor am Hamburger Stadttheater, 1915 zog er in den Krieg und lernte ihn hassen.

1919 wird der Kapellmeister Dessau von Otto Klemperer nach Köln engagiert und darf Strauss’ „Josephslegende“ erstaufführen. Ein kurzer Abstecher nach Mainz, dann meldet er sich aus Berlin: 1925 debütierte Dessau unter Bruno Walter an der Städtischen Oper mit „Rigoletto“. Ein Jahr zuvor hatte Dessaus „Violin-Concertino“ auf dem Programm des Donaueschinger Musikfestes gestanden, und in den letzten Stumm-, den ersten Ton- und Walt Disneys Trickfilmen erklang damals Musik von Paul Dessau.

1933 flieht Dessau vor den Nazis nach Paris, komponiert sich dort kümmerlich durchs Leben, greift 1937 zum erstenmal zu dem neuen vermeintlichen Allheilmittel musikalischer Ordnung, der Zwölftontechnik, schreibt ein paar Übungsstücke, zeigt sie René Leibowitz und nimmt für kurze Zeit bei ihm Unterricht. 1939 flieht er weiter, in die USA, arbeitet dort als Lehrer, Gärtner, auf einer Hühnerfarm und in Filmateliers.

1942 trifft Paul Dessau Bertolt Brecht. Seitdem haben die Biographen drei Stadien zu unterscheiden: Dessau vor, mit und nach Brecht. In Hollywood wohnt Dessau in Brechts Reichweite, die Kontakte sind fruchtbar; er wohnt auch in unmittelbarer Nähe zu Arnold Schönberg, die Verbindung wird erst spät hergestellt und bleibt sehr lose.