Der Abzug der amerikanischen Bodentruppen hat an der Sicherheitslage Südvietnams so gut wie nichts geändert. Da sie schon 1972 nicht mehr in die Kämpfe eingegriffen haben, kommt diesem Abzug weniger militärische als symbolische Bedeutung zu. Die auf Guam und in Thailand stationierte amerikanische Luftflotte, die während der Osteroffensive eine so entscheidende Rolle gespielt hat, blieb vom Waffenstillstand unberührt. Schlagkraft und Selbstvertrauen der südvietnamesischen Truppen sind seit 1972 enorm gestiegen. Man vergißt leicht, daß Saigon über eine der stärksten und kriegserfahrensten Armeen verfügt; die südvietnamesische Luftwaffe steht zahlenmäßig an vierter Stelle der Weltrangliste. In Saigon glaubt man, mit einer neuen nordvietnamesischen Offener notfalls auch allein fertigzuwerden.

Präsident Nguyen Van Thieu sitzt fest im Sattel. Bei uns wird er häufig als rücksichtsloser Diktator hingestellt, der sich auf eine kleine Generalsclique stützt, im übrigen aber bei der Bevölkerung wenig Anklang findet. Die Wirklichkeit sieht anders aus.

Um die innenpolitischen Verhältnisse in Südvietnam zu verstehen, muß man sich zunächst einmal von den Maßstäben des westlichen Parlamentarismus freimachen. (Dies gilt für die meisten asiatischen Länder, und sicherlich ganz besonders für Nordvietnam.) Die von den Amerikanern importierte Verfassung wurde langsam, aber sicher den heimischen Gegebenheiten angepaßt. Zu diesen Gegebenheiten gehört es, daß die meisten Einwohner vor allem den respektieren, der die tatsächliche Macht in Händen hat und sie in Ruhe ihre Felder bestellen läßt. Diesen Respekt genießt Thieu. Politische Interessen in unserem Sinne sind nur bei einer hauchdünnen Schicht meist im Ausland geschulter Intellektueller zu finden, die fast ausnahmslos in Saigon leben und für die Probleme der Landbevölkerung wenig Anteilnahme aufbringen. Durch seine harte Haltung bei den Waffenstillstandsverhandlungen hat Thieu an Statur und allgemeiner Wertschätzung deutlich gewonnen. Obwohl ihm das Charisma des Volkstribunen durchaus abgeht, kann doch kein Zweifel daran bestehen, daß er freie Wahlen in Südvietnam – mit oder ohne Teilnahme der Kommunisten – gewinnen würde.

Die nicht-kommunistische Opposition ist hoffnungslos zerstritten und ohnmächtig; eine überzeugende Alternative zur Regierungspolitik hat sie nicht anzubieten. Eine organisierte „dritte Kraft“ gibt es nicht. Der vielgenannte Ex-General Duong Van Minh (wegen seiner Körpergröße „Big Minh“ genannt), der beim Sturz Präsident Diems eine führende Rolle spielte und für kurze Zeit sein Nachfolger wurde, ist zwar eine achtbare Persönlichkeit, politisch aber ohne eigenes Profil; nicht zu Unrecht hat man ihn mit Hindenburg verglichen.

Die kommunistische „Befreiungsfront“ ist in Südvietnam immer noch verboten. Ihre Wiederzulassung ist Gegenstand der Gespräche in dem Pariser Vorort La Celle St. Cloud. Bisher haben sich die beiden Parteien nicht einigen können: Seines Sieges sicher, ist Thieu zwar bereit, sich gemeinsam mit den Kommunisten freien Wahlen zu stellen. Er macht aber zur Vorbedingung, daß Hanoi seine Truppen aus Südvietnam zurückzieht. Dies wird von den Nordvietnamesen abgelehnt. Sie verschanzen sich hinter der Behauptung, sie hätten gar keine Truppen im Süden, könnten also auch keine zurückziehen. Der wahre Grund ist, daß die „Befreiungsfront“ ohne die nordvietnamesische Rückendeckung zum sicheren Untergang verurteilt wäre – eine Konsequenz, vor der Hanoi begreiflicherweise zurückschreckt. Wie es unter diesen Umständen jemals zu freien Wahlen kommen soll, bleibt unerfindlich. Die Kommunisten haben es damit auch nicht eilig: Neutrale Beobachter geben ihnen höchstens 15 Prozent der Stimmen.

Diese Feststellungen mögen manchen überraschen. Hatten die Amerikaner nicht seinerzeit in Vietnam eingegriffen, weil sie. eine kommunistische Machtergreifung in Südvietnam mit politischen Mitteln fürchteten? Um die ganze Bedeutung des Wandels zu ermessen, muß man bis zu jenem Augenblick zurückgehen, in dem aus dem lokalen Problem der Wiedervereinigung Vietnams ein globaler Konflikt wurde.

Wie man weiß, geht die Teilung Vietnams auf die Genfer Konferenz von 1954 zurück. Damals wurde bestimmt, „daß die militärische Demarkationslinie provisorisch ist und keinesfalls als eine politische oder territoriale Grenze interpretiert werden darf“. Zugleich wurden für Juli 1956 freie, international kontrollierte Wahlen in ganz Vietnam vorgesehen. Während sich Nordvietnam in der Folge immer wieder auf diese Bestimmung berief, distanzierten sich die amerikanische und die südvietnamesische Delegation (unter Kaiser Bao-Dai) sofort von ihr. Damals wurde die Grundlage zur Allianz zwischen Washington und Saigon gelegt, die das Gesicht Indochinas bis zum heutigen Tage prägt. Angesichts der Zersplitterung der nicht-kommunistischen Kräfte befürchteten die Amerikaner nicht ohne Grund, daß die Kommunisten die Wahlen gewinnen würden. Damit aber – so lautete die berühmte Domino-Theorie – drohte ganz Südostasien in den kommunistischen Machtbereich abzugleiten. In Washington war man daher entschlossen, eine Wiedervereinigung Vietnams unter kommunistischen Vorzeichen zu verhindern.