Ein Hearing soll der Regierung im Lohnkonflikt den Rückzug ermöglichen

Wurde im zweiten Untergeschoß des Piccadilly-Hotels in London Geschichte gemacht oder wird sich die öffentliche Untersuchung des Einkommensamtes über die "richtige" Position der 260 000 Bergarbeiter in der Lohnskala lediglich als ein kurzlebiges politisches Manöver erweisen? Wurde hier ein neues Verfahren getestet, das zu einem festen Bestandteil im Verteilungsringen werden soll? Kritiker behaupten, es handele sich nur um eine Übung in britischem Pragmatismus, die in Vergessenheit geraten wird, sobald nach der Wahl der Arbeitswille der streikenden Bergleute durch einen staatlichen Zuschlag auf die letzte Lohnofferte erkauft ist.

Zum erstenmal wurde bei diesem Hearing vor aller Öffentlichkeit die Frage angepackt, was eine Gruppe von Arbeitern im Vergleich zu anderen Gruppen verdienen darf. In öffentlicher Anhörung wurde das Los der Bergleute diskutiert, ihr Gesundheitsrisiko, ihr Einkommen, die Lage und die Aussichten ihres Wirtschaftszweiges, die wachsende Bedeutung der Kohle angesichts der Energieprobleme. Am Tisch der neun Lohnkommissare argumentierten Kohlemanager, Gewerkschaftsfunktionäre und Beamte. Es erschienen Vertreter anderer Wirtschaftszweige, aus der Gasindustrie, Eisenbahn und der metallverarbeitenden Industrie. Schließlich sollte die Untersuchung nicht nur die Frage beantworten: Ist es richtig, daß die Kumpel in der Lohnskala aufrücken? Die neun Mitglieder sollten auch herausfinden, wie eine Besserstellung der Bergleute andere Industrien, andere Gruppen von Arbeitnehmern berührt und ob sie von diesen überhaupt hingenommen wird. "Man kann nicht", so hatte schon der Bericht des Einkommensamtes erkannt, "das Verhältnis zwischen dem Lohn eines Mannes und dem eines anderen dauerhaft ändern, ohne daß beide bereit sind, die Änderung zu akzeptieren".

Die "Untersuchung über die relative Lohnposition der Bergleute" wurde von der Regierung Heath eingeleitet, nachdem der Lohnstreit im Bergbau hoffnungslos festgefahren war. Sie war der letzte Strohhalm, nachdem der Arbeitskampf der Kumpel das Land in die Drei-Tage-Woche geführt hatte. Die Bergleute wollten – Lohnrichtlinien hin, Lohnrichtlinien her – mehr als die dreizehn (einschließlich Produktivitätsabkommen sechzehneinhalb Prozent), die ihnen das staatliche Kohleunternehmen (National Cool Board) anbot. Die Regierung jedoch wollte aus politischen Gründen und zur Rettung ihrer Lohnkontrollen nicht nachgeben.

Die Absicht, sozialen Frieden Zu erkaufen, steht hinter der Untersuchung im Piccadilly-Hotel. Und doch geht sie in Ansatz und Anlage einen völlig neuen Weg. Der Vorsitzende des Einkommensamtes, der im Staatsdienst ergraute Sir Frank Figgures: "Wir nehmen, teil an einem einzigartigen Experiment. Die Untersuchung führt eine gänzlich neue Idee in unser Verfahren der Lohnfindung ein." Basis ist ein grundsätzlicher Bericht des Einkommensamtes, der aufzeigen sollte, ob und wie die durch Lohnkontrollen eingetretenen Verzerrungen zu korrigieren sind.

Mit der Suche nach dem Konsensus hat auch die Kontroverse über die Richtigkeit des ganzen Unternehmens begonnen. Denn was für die einen ein "vernünftiger Weg zur Beilegung unserer Streitigkeiten" (Heath) ist, erscheint anderen nur als eine neue Methode zur Durchsetzung inflationärer Lohnabschlüsse. Wilfried Kratz