Sie klingt so gut und beinahe neu: die Forderung nach „funktionaler Schönheit“. Sie ist so wahr und ziemlich alt: die Tatsache, daß diese Ideen nur von witzigen Erben formuliert werden, daß sie erst entstehen konnten, nachdem Funktion und Schönheit, Leben und Kunst zuvor kräftig auseinandermanipuliert waren. Daß Schönheit auch der sichtbar gewordene Saldo einer mehrfachen Buchführung ist, wissen wir nicht von selbsternannten Künstlern, sondern, zum Beispiel, von einem Mann wie dem Bootsrißzeichner, Schiffbauer und schwedischen Vizeadmiral Frederik Henrik af Chapman, der in keiner Kunstgeschichte dieser Welt genannt wird, dessen „Architectura Navalis Mercatonia“ (1768) ich aber nicht für zehn Kilo feinster Kunst-Bildbände eintauschen würde. Der Verlag Delius Klasing +Co., der vor ein paar Jahren die Faksimile-Ausgabe der „Architectura“ herausgebracht hat, legt jetzt ein zweites Standardwerk der Schiffsbaukunst vor: einen ersten Auswahlband aus den sechsbändigen „Souvenirs de Marine“ von Edmond Paris (erschienen 1882 bis 1908). Seeleute und Techniker waren beide, Chapman und Paris. Im Unterschied aber zu Chapman, dem Systematiker und Wissenschaftler, war Paris Sammler, ein Mann mit dem gebrochenen Blick derer, die Vergangenheit im Kopf, die Zukunft im Sinn haben. Gerade weil sich Paris mit den neuen, durch die Dampfschiffahrt aufkommenden marinetechnischen Problemen intensiv beschäftigte (von ihm stammt das 1848 erschienene „Marinewörterbuch für Segel- und Dampfschiffahrt“), konnte er auch zum Liebhaber-Historiker und Sammler werden; der Vizeadmiral a. D. war in späten Jahren Kustos des Marinemuseums im Louvre. Und so sammelte er alles verfüg- und erreichbare Material über die historische Schiffahrt, um es in Buchform der Nachwelt zu erhalten. Da er die Manuskripte und Zeichnungen, die er sich von überall her kommen ließ, so in Druck gab, wie sie ihm geliefert wurden, mangelt es den „Souvenirs“ insgesamt an Exaktheit, Vollständigkeit, an einem Auswahlprinzip. Der Verlag Delius Klasing + Co. tat daher gut daran, nicht einfach einen Originalband neu herauszubringen, sondern sich aus diesem sechsbändigen Vielerlei ein Thema herauszusuchen: die Zeit der großen Ruderschiffe bis zum Ende des 17. Jahrhunderts, eine Epoche, deren Glanz und Gefährdung sich auch noch in ihren berühmten Schiffen widerspiegelt. (Edmond Paris: „Die große Zeit der Galeeren und Galeassen“, Verlag Delius Klasing + Co., Bielefeld, 1973; 96 Seiten mit 7 Ausfalttafeln und 311 Abbildungen, Format 25 x 35 Zentimeter, 60,– DM.)

Petra Kipphoff