Von Helmut Schneider

Was immer Joseph Beuys denkt, sagt oder tut, wie er vor dem Kunstpublikum agiert und wie er in der Öffentlichkeit auftritt – jede seiner Äußerungen und Handlungen wird sorgfältig registriert, notiert, aufgezeichnet und kommentiert. Eine Geste dieses erstaunlichen Mannes ist imstande, eine publizistische Lawine auszulösen. Anscheinend ist es unmöglich, von Beuys nicht fasziniert zu sein.

Für das manchmal offenkundig übersteigerte Interesse an seiner Person, seinen Taten und Worten müssen Ursachen vorhanden sein, die, weiterwirkend, die Aufmerksamkeit der Beuys-Auguren wachhalten. Da ist einmal das Ärgernis Beuys, die Tatsache, daß er mit einem Kunstbegriff, der Totalitätsanspruch erhebt, gängige Vorstellungen provoziert; dann der Fall Beuys, der Kampf des engagierten Lehrers, der mit der Bürokratie in Konflikt geraten ist, um seine akademische Existenz; und schließlich das Phänomen Beuys, der geradezu unerhörte Vorgang, daß dieser Künstler im Alleingang die moderne Wissenschaft aus den Angeln heben und die politischen Verhältnisse umkrempeln will.

Beuys fehlt es nicht an sympathisierenden Mittlern, wohl aber an argumentierenden Vermittlern, nicht an Leuten, die seine Ideen weitertragen, aber an solchen, die sie, kritisch reflektierend, einsichtig zu machen versuchen.

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Für denjenigen, der Beuys’ Fettecken und Filzplatten nicht a priori als Emanationen eines Genies zu würdigen bereit ist – nicht zuletzt deshalb, weil ihm der Zusammenhang zwischen Margarine und Beuys’ komplexem Denkgebäude nicht durchsichtig erscheint –, wird der Zugang zu den Vorstellungen von Beuys mit erheblichen Mühen verbunden sein. Die grundlegende Schwierigkeit, Beuys zu verstehen, beruht auf dem Umstand, daß er aus absolut subjektiven, persönlichen Voraussetzungen eine universale Theorie entwickelt hat, die für alle Bereiche des Lebens und der Gesellschaft Gültigkeit beansprucht.

Beuys versucht, Unsagbares verständlich zu machen, indem er es auf eine Ebene transponiert, auf der "Zusammenhänge, die sich rational nicht sagen" lassen, sich "rational machen lassen". Aus diesem Grund ist er stets bemüht, "Begriffliches mitzuliefern". Aber selbst dieses Begriffliche ist hermetisch strukturiert, es bleibt ohne die Relaisstation Beuys im Ungefähren. Begriffe wie Denken, Plastik, Kunst, Kreativität, Freiheit – sie stehen im Mittelpunkt seiner umfassenden "plastischen" Theorie – sind inhaltlich nicht genau definiert; auch miteinander verbunden ("Denken ist Plastik") oder gleichgesetzt ("Kunst = Kreativität = Freiheit"), sind sie ohne Rückverweis auf den, der so denkt, nicht eindeutig, nicht faßbar.