Bitter-Extrakt der sechziger Jahre

Von Jürgen Lodemann

Wenn einer einmal Zeit genug hatte, eine Tageszeitung, eine von der vorgeblich rundum informierenden Sorte, auszulesen – die Nachrichten, die Meinungsseite, aber auch Seite drei, die großen politischen Reportagen und nicht zuletzt jene bunten Seiten aus aller Welt mit dem aufgepepten Klatsch, mit Notzucht und Mord in Kurzfassung – wenn einer nach einem solchen Studium schon mal zurückgeblättert hat auf die Meinungsseite, wer hätte sich da nicht gewundert. Aus diesem Staunen über abgerundete Kommentare angesichts zerstrittener, zerstreuter, kaputter Zusammenhänge und Tatbestände ist es wohl entstanden, dieses neue Buch –

Walter Aue: „Lecki oder Der Krieg ist härter geworden“ – Vorbereitungen zu einem Roman; Luchterhand Verlag, Darmstadt/Neuwied, 1973; 230 S., 17,80 DM.

Gewonnen aus der Intensivlektüre unserer Zeitungen, Magazine und Illustrierten, aber auch aus einigen Fachbüchern, vorwiegend medizinischen, und aus der Wegwerfliteratur der Verlage Pabel, Moewig und Lübbe – der Bitter-Extrakt der sechziger Jahre, ein neues Buch Hiob mit 225 Klagestrophen eines Verzweifelten, Strophen von etwa je einer Seitenlänge, in denen die lange Sammelwut des dreiundvierzigjährigen Medienkonsumenten zur Collage wurde, und zwar so, daß der Leser ständig durch einen Horrortrip zu rutschen meint; denn bezog sich noch der einleitende Konditionalsatz deutlich auf das Dutschke-– Attentat, so war der Hauptsatz schon Sechstagekrieg-Aktion, aus dem man über Blut und Schreie ohne Punkt und Komma hinübergleitet ins Massaker bei Sharon Tate, wobei die Einzelheiten der Beschreibung dieses Massenmords wiederum aus einem chirurgischen Fachbuch zu stammen scheinen, „denn was tut Lecki anderes als vorgegebenes Material zu sortieren, zu redigieren & arrangieren (Strophe 51).

Nicht nur „die chaotische Fülle des -Stoffes“ bereitet „Anstrengung“, wie der Klappentext warnt, sondern auch die Kriterien der Auswahl: Exitus, Abort, Schleim, Blut, Mord, Schädeloperation, Attentate, Folterungen, Vivisektionen und – natürlich – Geburten: „der Embryo drückt sich blutend und schreiend durch die behaarte Öffnung“ – nach meiner Beobachtung wird er zwar gedrückt, was ja noch um einiges bedrückender wäre, aber so, wie Aues fiktiver Autor Lecki das sieht, reicht es ja auch schon.