Von Eckart Kleßmann

Literatur über das alte Preußen erscheint derzeit in solcher Fülle, daß es ganz unmöglich geworden ist, alles dem interessierten Leser vorzustellen. Aufmerksamkeit aber verdient eine Reihe kleiner Reprints, die unter dem so häßlichen wie unseriös klingenden Titel „Altpreußischer Kommiß, – offiziell, offiziös und privat“ seit zwei Jahren erscheint. Acht Hefte sind bis jetzt erschienen, siebzehn weitere in Vorbereitung. Herausgeber ist der tüchtige Hans Bleckwenn, der heute wahrscheinlich beste Kenner preußischer Militärgeschichte.

Diese Editionen liefern Quellenmaterial, meist selten gewordene Publikationen, von denen manche ein breiteres Interesse beanspruchen dürfen. Dazu gehören zwar weniger die „List- und lustigen Begebenheiten ...“, eine triviale Verniedlichung rüder preußischer Werbemethoden, die wir heute kaum noch als „lustig“ empfinden, oder die langweilige Geschichte des Füsilierregiments v. Erlach, wohl aber die übrigen Hefte.

Vor allem die Erinnerungen Neubauers, aber auch Lemckes „Kriegs- und Friedensbilder“ und das Tagebuch des Musketiers Dominicus legen die Unbarmherzigkeit der preußischen Militärmaschine bloß: Wie zum Beispiel ein vom Wehrdienst befreiter Theologe zwangsrekrutiert und geschunden wird, bis er dank Hartnäckigkeit, Couragiertheit und ungebrochener Frömmigkeit sich doch befreien kann – das liest man noch heute mit Staunen und Schaudern. Nicht minder aufschlußreich Witzlebens „Aus alten Parolebüchern ...“ Hier werden Vorkommnisse des inneren Dienstes beschrieben, Befehle von zum Teil unfreiwilliger Komik zitiert, aber auch Vorfälle belegt, die Aufschluß geben über die preußische Sozialstruktur, Berliner Verhältnisse und die Grausamkeit der Militärgerichtsbarkeit.

Da heute – in West wie in Ost – über den zunehmenden Alkoholismus in den Armeen geklagt wird: genau das war anscheinend die Hauptsorge des friderizianischen Heeres. Daß ganze Einheiten schon am frühen Morgen völlig betrunken zum Dienst oder zur Parade erschienen, scheint damals an der Tagesordnung gewesen zu sein. Nur war das nicht der sogenannte Wohlstandsalkoholismus, der die ständig wiederholte Mahnung „daß keiner besoffen kömmt“ provozierte, sondern Trunksucht aus Verzweiflung, wie die hohe Selbstmordquote beweist. Bezeichnend jener Befehl von 1781, der sechzehnmaliges Spießrutenlaufen (ziemlich sicher mit tödlichem Ausgang) über einen Grenadier verhängt, „weil er sich hat den Hals abschneiden wollen“. Der Herausgeber von 1851 nennt das „strenge, aber väterliche Fürsorge“. Wer diese Fürsorge kennenlernen möchte, sollte die Erinnerungen Karl Friedrich von Klödens oder die des Magisters Laukhard lesen.

Bleibt ein Wort zu den „Briefen eines alten Preußischen Officiers“ von 1790. Der Verfasser war ein Rudolph von Kaltenborn, der von 1772 bis 1780 in Preußen diente. Er hat in diesem Pamphlet scharf mit Friedrich II. abgerechnet, dies aber geschickt in eine Apologie des Königs verkleidet, dem er in Haßliebe verbunden war. Diese Ausgabe stellt der Editionspraxis Bleckwenns kein gutes Zeugnis aus. Im Vorwort wird Kaltenborn weidlich fertiggemacht; nicht bedacht wurde, daß es damals in der anonymen Literatur üblich war, Spuren zu verwischen („alter“ preußischer Offizier). Dabei beruft sich Kaltenborn meist auf Dinge, die er gesehen oder gehört haben kann, und nennt sich als Augenzeuge fast nur dort, wo die Ereignisse in seine Dienstzeit fallen.

Die Erwiderung des „Preußischen Feldpredigers“ darauf ist äußerst dürftig. Kaltenborn, seinem Gegner stilistisch weit überlegen, fällt es denn auch nicht schwer, seinen Kontrahenten auszupunkten. Aber wieweit stimmt das, was beide Seiten als „Fakten“ ausgeben? Hier wäre es Bleckwenns Aufgabe gewesen, detailliert zu kommentieren. Nicht eine Zeile Anmerkung, statt dessen nur ein höhnisches Vorwort, das wie selbstverständlich Kaltenborn dafür züchtigt, kein Parteigänger Friedrichs II. zu sein.