Das erste Alarmsignal: die Steigerungsrate bei den Industriepreisen war im Januar bereits zweistellig

Die Regierung, so versicherte dieser Tage ein Kabinettsmitglied, werde in spätestens vier Wochen endgültig ihren Kurs für die Konjunkturpolitik in diesem Jahr abstecken. Niemand wird leugnen, daß die ökonomische Steuerung 1974 besonders schwierig ist. Dennoch ist es unentschuldbar, das Schiff solange schlingern zu lassen.

Wie unsicher man in Bonn geworden ist, zeigte sich vor kurzem bei der Diskussion um Steuererhöhungen. Erst äußerten, sich Regierungsmitglieder und Koalitionssprecher, als seien die Heraufsetzung der Mehrwertsteuer und die Beibehaltung des Konjunkturzuschlags beschlossene Sache, dann sprach man von „Mißverständnissen“, schließlich dementierte der Finanzminister. Helmut Schmidt: „1974 wird es keine Steuererhöhungen geben.“ Ob dies freilich wirklich das letzte Wort ist, daran gibt es in Bonn immer noch Zweifel.

Vorerst jedenfalls hat sich der Bund darauf festgelegt, lieber mehr Kredite aufzunehmen, als dem Bürger direkt in die Tasche zu greifen. Dies aber paßt wiederum der Bundesbank nicht in das Konzept. Die Frankfurter Währungshüter sind voll Sorge über die ökonomische Entwicklung. Sie wollen standhaft dafür sorgen, daß Geld knapp und teuer bleibt.

Karl Klasen zur ZEIT: „Zehn Prozent sind eine magische Zahl... Zweistellige Preissteigerungsraten bedeuten für mich die allerhöchste Alarmstufe... Sind sie erst einmal da, müssen Bundesregierung und Bundesbank ohne Rücksicht auf Härten alles tun, um von solchen Zahlen wieder herunter zu kommen.“ (Siehe Seite 30: Interview mit Bundesbankpräsident Klasen).

Die Alarmglocke hat bereits einmal geschrillt. Im Januar sind die Erzeugerpreise der Industrie zum erstenmal zweistellig gestiegen: Sie waren um 10,3 Prozent höher als im Januar 1973. Die Bundesbank hat also allen Grund zur Härte.

Die Folgen spüren Millionen Wertpapierbesitzer in der Bundesrepublik. Zwei Wochen lang sind am Rentenmarkt, also bei Anleihen und anderen festverzinslichen Wertpapieren, die Kurse Tag für Tag weiter gefallen. Niemand spricht mehr von einem Übergang zum „Neunprozenter“, der noch um die Jahreswende als sicher galt. Im Gegenteil: auch die Tage des „Zehnprozenters“ scheinen gezählt, die Anleger warten auf Anleihen mit noch höherem Zinssatz (siehe Seite 29: Löhne und Zinsen künftig nur noch zweistellig?)